Bonuskapitel – Roux – Im Krankenhaus

Verstopfte Gehirnarterien – mehr brauchte es nicht, um gleich zwei Leben durcheinanderzubringen. Ich verstand nicht viel von dem, was der Arzt mir erklärte. Alles, was ich mitbekam, waren Worte:
Gehirnblutung. Not-OP. Langzeitfolgen. Therapie.
Worte, die so viel mehr bedeuteten und die in meinem Kopf tanzten, während ich vor dem Operationssaal stand und vor mich hinstarrte. Es waren Worte, die innerhalb von zwei Stunden alles niederwalzten. Das Leben, das ich kannte. Die Entscheidungen, die ich getroffen hatte. Die Dinge, die ich wollte. Meine Träume lösten sich in Luft auf und nichts, gar nichts, hatte mehr Bedeutung.
»Roux?«
Es waren Livs Finger, die behutsam meinen Arm berührten. Warme, dunkle Augen, die unter braunem Haar zu mir hinaufschauten. Ich blinzelte, als sich ihre Arme um meinen Hals schlangen und ihr Kopf auf meiner Brust zum Erliegen kam. Es fühlte sich wunderbar und tröstlich an, ihr eine Weile so nah sein zu können.
»Du hättest nicht herkommen müssen, Babe«, murmelte ich dicht an ihrem Haar.
»Red keinen Unsinn. Tyler ist der wichtigste Mensch in deinem Leben, Roux. Natürlich musste ich hinter euch herfahren«, sagte sie. »Wir sind Freunde.«
Als sie sich von mir löste, war ihr Blick ernst und ich drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Danke.« Dass sie hier war, bedeutete mir mehr, als ich zugeben konnte. Und es sagte mehr über unsere Freundschaft aus, als Worte es je könnten. Denn sie war hier, obwohl Krankenhäuser für sie unweigerlich mit dem Tod ihres Vaters verbunden waren. Einen Tod, den sie nie verwunden hatte. Liv wusste, wie es war, Menschen die man liebte, zu verlieren. An etwas, was stärker war als Liebe oder das Leben.
Wir ließen uns auf zwei der gelben Plastikklappstühle sinken. Unbequem und makellose zwischen ewiglangen, weißgestrichenen Wänden und schwarzem Linoleumboden.
Livs Hand legte sich auf meine. »Dein Onkel ist stark, taff und hängt viel zu sehr am Leben. Er wird das schaffen.«
Ja, vielleicht würde er das. Doch nach einem Schlaganfall war man nicht mehr derselbe. Manchmal wurde man das nie wieder. Ich hatte von Menschen gelesen, die weder sprechen noch laufen konnten. Von jemanden, der auch nach drei Jahren noch auf Pflege für die einfachsten Dinge angewiesen war.
Er würde nie mehr derselbe sein. Das war die Wahrheit – und ich wusste das.
Ich zog mein Handy aus der Hosentasche, öffnete mein Emailprogramm und begann, zu schreiben.
»Was tust du da?«
»Dem Makler absagen.« Je eher ich das tat, umso schneller lag es hinter mir. Wenn ich es jetzt tat, würde ich es nicht vor mir herschieben. Ich würde diese Halle nicht mieten. Ich konnte es nicht. Nicht mehr.
»Roux …« Mit ihrer Hand versuchte Liv, mich zu stoppen, also stand ich auf. »Meinst du Tyler würde das wollen?«
Ich tippte einen Gruß unter die Mail, dann schickte ich sie ab.
»Was soll ich denn sonst tun?«, fragte ich sie. »Er hat tagelang an meinem Bett  gesessen und darauf gewartet, das ich aufwache. Er hat mich aufgenommen. Er hat mich behandelt, als wäre ich sein Sohn und nicht nur sein Neffe. Er hat immer alles für mich getan.« Ich wollte diese Bar eröffnen. Es war mein Traum. Jeden Cent sparte ich für diesen Traum. Ich hatte eine Vision im Kopf. Einen Namen. Ein Konzept – und jetzt auch das perfekte Objekt. Am Wochenende wollte der Makler kommen, damit ich den Vertrag unterschrieb. Aber wie konnte ich einen Vertrag unterschreiben, mich in dieses Projekt stürzen, wenn ich jetzt, wo Tyler ausfiel, voll und ganz für das Hill da sein musste?
Dieses Café war Tylers Herzensprojekt und wenn es etwas gab, was ich ihm schuldete, dann, es in seinem Sinne weiterzuführen. »Ich habe ihm zuviel zu verdanken. Ich muss die Verantwortung übernehmen.«
Liv widersprach mir nicht. Vermutlich, weil sie wusste, dass sie mich nicht davon abhalten konnte und wie ernst es mir damit war, diese Verantwortung zu übernehmen. Sie wusste, dass man sich auf mich verlassen konnte. Immer.
Statt mit mir zu diskutieren,  drückte ihre Hand meine. Wir redeten nicht. Stattdessen starrten wir auf die verschlossenen Flügeltüren, hinter denen mein Onkel um sein Leben kämpfte.
Ich wusste nicht, ob er es schaffen würde. Ich wusste nicht, ob er je gesund werden würde. Und mit jeder Minute, die verging, wurde ich unruhiger. Sehnte mich danach, endlich Gewissheit zu haben.
Irgendwann klingelte mein Handy und riss mich aus den immergleichen, zermürbenden Gedanken. Als ich Janes Namen auf dem Display las, stand ich auf.
Die fröhliche, warme Stimme meiner Tante brachte mich aus der Fassung. Im Hintergrund konnte ich das Lachen ihrer Freundinnen hören und stellte mir vor, wie sie mit ihrer Schwester Claudia auf der Veranda des Strandhauses in Kalifornien saß.
»Roux mein Junge, die Neujahrswünsche hätten aber auch bis Morgen warten können.« Sie kicherte, klang so befreit und ausgelassen … Wie zur Hölle sollte ich ihr sagen, dass Tyler seit zwei Stunden operiert wurde? Dass er vielleicht sterben würde? Wie konnte ich ihr das antun, wenn sie tausende von Meilen entfernt am anderen Ende des Landes saß?
»Junge, bist du noch dran?«
Liv stand auf und streckte die Hand nach dem Telefon aus, doch ich schüttelte den Kopf.  Ich musste es sein, der es Jane sagte. Nicht sie.
»Ja.« Meine Stimme klang fremd. Viel zu weit weg. »Es ist etwas passiert, Tantchen. Mit Tyler. Er …« Raus damit. Ich musste es einfach nur sagen. Gerade heraus. Wie ein Pflaster, das man von der Haut abzog. »Er ist zusammengebrochen. Die Ärzte sagen, es war ein Schlaganfall und er hat … eine Gehirnblutung. Sie versuchen, sie zu stoppen, aber … sie wissen nicht, ob er es schafft.«
Selbst durch den Hörer konnte ich hören, wie ihr Herz brach. Wie es in Stücke fiel. Sie weinte nur leise, doch es genügte, um mein Herz mit schweren Felsbrocken zu überrollen und mir die Luft zu nehmen.

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