Bonuskapitel – Robin – Zurück in Red Oak Mountain

*SPOILER-GEFAHR* (für alle, die “Begegnung in Red Oak Mountain noch nicht gelesen haben!)picsart_02-11-08-583768614.jpg

Ich versuchte, Roux zu vergessen. Doch die Momente mit ihm tanzten vor meinen Augen, sobald ich sie schloss. Nachts in der Dunkelheit des Zimmers, das ich mir mit Lenny teilte, konnte ich noch immer seine Hände auf mir spüren. Ich stellte mir vor, wie er mich küsste. Wie er mich an sich zog.
Ich liebe dich.
Er liebte mich. Roux Whitton liebte mich. Niemand hatte mich bisher geliebt – nicht einmal Blake. Alles, was ich kannte, waren Zweckbeziehungen. Aber jetzt, wo ich wusste, wie es sich anfühlte, brachte es mich fast um.
Weil ich ihn auch liebte.
Ich kümmerte mich um die stumpfsinnige Werbung, verteilte sie an Passanten und konnte auch nach Wochen nicht aufhören, an Roux zu denken. Es war, als hätte er meine Gedanken besetzt. Als gäbe es nichts außer ihn. So war es noch nie gewesen. So sollte es nicht sein. Das war nicht der Plan gewesen. Ich hatte nicht vorgehabt, mich zu verlieben. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet er es sein würde, der mein Herz einnahm.
Len war sauer auf mich und sprach kaum mit mir. Sie verstand es nicht – und das konnte ich ihr nicht einmal verübeln. Ich hatte sie verraten, indem ich mich selbst verraten hatte. Aber immerhin hielt sie sich an das Versprechen. Wir waren eine Familie, alles, was sie hatte. Sie würde das nicht aufs Spiel setzen – nicht einmal, wenn es bedeutete ihren Bruder wieder zu verlieren.
Als ich das letzte Päckchen Flyer verteilt hatte, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Die Wohnung lag in einem schäbigen Viertel – doch sie war besser als viele andere Zimmer, die wir bewohnt hatten.
Ich schloss die Tür auf. »Bin zurück«, rief ich in die Wohnung. Doch anders als sonst, war es still. Viel zu still.
»Len?«
Ich ließ meine Tasche fallen und rannte in die Wohnung. Badezimmer. Küche. Schlafzimmer. Wohnzimmer. Alles leer. Bis auf einen Zettel.
Was verflucht …?
Ich muss es ihm sagen. Verzeih mir. Len
Nein. NEIN. Nein.
Ich zerknüllte den Zettel in meinen Fingern und schmetterte ihn gegen die Wand.
Wie lange war es her, seit sie diesen Zettel geschrieben hatte? Wenn es heute Morgen gewesen war, dann … dann war sie schon längst dort. Außer … außer, sie wurde aufgegriffen. Wie konnte sie so dumm sein?
Ich zerrte das Handy hervor, wählte ihre Nummer. Es klingelte. Aber sie hob nicht ab.
»Len, verfluchte scheiße. Ruf. Mich.an.«
Dann rief ich Trish an.
»Ich bin in einer halben Stunde da«, sagte sie, ohne das ich sie danach gefragt hatte.
»Len ist weg«, platze ich heraus. »Sie ist auf dem Weg zu ….«
Trishs Stimme war erstaunlich ruhig. »Was hast du erwartet? Das sie das diesmal schluckt? Du kennst sie, sie hat monatelang nach ihm gesucht. Sie hatte kein anderes Thema als ihn.«
»Das ist nicht hilfreich«, knurrte ich.
»Ich weiß. Aber Rob, sie mag ihn. Er ist ihr Bruder. Natürlich will sie ihn kennenlernen.«
»Ich will aber nicht das sie …«
»Ich weiß.«
Mein Blick streifte die Autoschlüssel auf dem Flurschrank. »Ich muss es ihm selbst sagen«, verkündete ich. »Vielleicht ist es noch nicht zu spät.«
»Rob …«
»Sag Emmett Bescheid. Ich nehm das Auto.«

***

Roux war nicht im Hill. Ich eilte zurück zum Wagen, als zwei Hände vorschellten, mich packten.
»Na sieh mal einer an, wen wir hier haben.« Ronald. Seine Stimme dicht an meinem Ohr.
Bevor ich schreien konnte, presste sich eines seiner Hände auf meinen Mund. Ein widerlicher Geruch, ätzend und beißend, drang in meine Nase. Ich versuchte, nach ihm zu treten, doch schon im nächsten Moment verschlang mich die Dunkelheit.

Als ich die Augen öffnete, lag ich auf einem alten Teppich und starrte auf alte, graue Raufasertapete. Ronald, der mir gegenüber auf einem Sessel saß, drückte mir den Schuh in die Seite. »Dachte schon, du würdest noch länger tote Hure spielen.«
Hure.
Sooft hatte er mich so genannt. Für ihn war ich nichts anderes als das. Das Kind einer ehemaligen Hure, dass er vom ersten Moment gehasst hatte.
Er erhob sich aus dem Sessel, als ich mich aufrappelte.
»Lass mich in Ruhe!« Ich trat nach ihm, doch das entlockte ihm nichts weiter als ein müdes Lächeln.
»Wo steckt die kleine Kröte?«
»Glaubst du wirklich, ich würde dir das sagen?« Ich lachte leise. »Selbst wenn du mich umbringst, wirst du nicht . AUA.« Er zerrte mich an meinen Haaren, schubste mich.
»Strapazier meine Nerven ja nicht weiter, du kleine Schlampe! Helf mir lieber.«
»Wobei? Beim Unordnung machen?«
Seine Faust traf mich mitten im Gesicht. »Papiere zu finden.«
Hatte Roux nicht was von einer Farm erzählt? Der Farm seines Dads? War Ronald deshalb hier?
»Du brauchst also Kohle und musst deinen Sohn deshalb bestehlen?«
Der nächste Faustschlag traf mich.
»Du kannst mich sooft schlagen, wie du willst. Ich verrate. Dir. Gar. Nichts.« Ich ballte meine Hände zu Fäusten und ging auf ihn los. Doch das brachte ihn nur dazu, eine Vase aus der Ecke zu greifen und sie gegen meinen Körper zu donnern. Ich schrie, als Schmerz in mir aufflammte. Ich knallte gegen die Schrankwand. Etwas zerbrach. Blind griff ich nach einem Buch, schleuderte es Ronald entgegen. Warmes Blut rann meine Wange hinab, doch ich ignorierte es und rappelte mich wieder hoch. Stieß ihn zur Seite, um wegzurennen. Doch da packte er mich schob wieder. Drückte mich zu Boden.
Ich hörte den Gürtel, noch bevor ich ihn sah.
»Ich hätte dir mehr Respekt einflößen sollen«, sagte er, als der erste Schlag meinen Rücken traf. »Man muss dich genauso hart anpacken wie deine verfluchte Mutter. Sonst parrierst du nicht!«
Ich war wieder sechs. Und zwölf und fünfzehn. Das letzte Mal hatte er mich verprügelt, als ich achtzehn wurde. Es war mein Geburtstag. Der Tag, an dem ich mit Len Chicago verließ.
Seinem Gürtel folgte der Fuß, folgte die Hand. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Zu laut. Vermischte sich mit dem Schmerz. Vermischte sich mit allem. Vor meinen Augen wurde es schwarz und alles verschwamm zu einem einzigen Nebel.

Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, hockte Ronald auf dem Rand des Sofas. Das Telefon am Ohr. »Ja, Jane, das verstehe ich natürlich«, sagte er mit seiner sanften Stimme. Der Stimme, die jeden täuschte. Immer. Überall. »Ich werde ihn noch mal fragen. Er ist doch mein Sohn.«
Ich versuchte, mich zu bewegen, doch sobald ich den Kopf hob durchfuhr mich der Schmerz. Alles tat weh. Stöhnend sackte mein Kopf zurück auf den Teppichboden. Mit den Augen suchte ich einen Anhaltspunkt. Die Uhrzeit. Irgendwas, das mir verriet, wie lange ich schon hier war. Wie viel Zeit vergangen war.
Ich tastete an meinem Körper entlang und fand mein Handy. Während Ronald sich umdrehte, zog ich es heraus, versucht, eine SMS zu tippen. Aber der Akku war leer. Verdammt.
Ronald legte auf. Begann umherzutigern, in der Hand eine Flasche Wodka.
»Tylers Frau ist genauso eine Hure wie es deine Mutter war«, erklärte er und genehmigte sich einen Schluck. »Gibt wohl nur noch einen Ort, an dem ich nach dem Kram suchen kann. Steh auf.«
Er zerrte an meinem Arm, doch ich schaffte es nicht, mich zu bewegen. Er gab mir eine Ohrfeige. »Steh auf, habe ich gesagt!«
Ich konnte nicht. Meine Augen fielen zu. »Fick dich.«
Als er diesmal nach mir trat, verschwand ich. An den Ort in mir drin, den er nicht erreichen konnte. Den er niemals erreichen würde. Einen Ort, an den ich mich schon zurückzog, seit ich vier Jahre alt war. Vor ihm. Seiner Wut. Seinen Schlägen. Es war das, was mich am Leben erhalten hatte. Das, und der Gedanke an Len.
Doch diesmal war da noch ein anderer.
Roux. Ich dachte an Roux. An seine Küsse, seine Berührungen, seine Sanftheit.

****

Die Tritte hörten auf, doch der Schmerz blieb.
Jemand berührte meine Wange. Eine hauchzarte Berührung. So anders. So fremd.
»Robin, sieh mich an.«
Roux.
Eine Stimme, die ihm so ähnlich war und den Schmerz anfachte. Weil ich ihn vermisste. So schrecklich vermisste. Weil ich mir wünschte, in seinen Armen zu liegen. Wünschte, er würde mich halten und mir noch einmal sagen das alles gut werden würde. So wie vor Wochen im Hotel.
Eine Berührung an meinen Fingerspitzen. »Robin, bitte …«
Ich versuchte, die Augen zu öffnen. Doch ich konnte es nicht. Ich war müde. Schrecklich müde …
Immer wieder sagte die Stimme meinen Namen.
Robin.
Robin.
Robin.
Die Stimme webte mich ein, stemmte sich gegen den Schmerz, doch schließlich verschluckte der Schmerz sie und da war nichts mehr außer Finsternis.

Bonusszene – Lenny – Flucht aus Red Oak Mountain

*SPOILER-GEFAHR* (für alle, die “Begegnung in Red Oak Mountain noch nicht gelesen haben!)
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Ich saß in diesem blöden Auto und starrte aus dem Fenster.
»Es ist besser so«, erklärte Emmett zum vierhunderttausendsten Mal, seit wir losgefahren waren. Mittlerweile ging die Sonne hinter dem Horizont auf. Sie kroch über die Felder und alles veränderte sich. »Irgendwann wirst du das verstehen.«
Robin schlief neben mir. Sie hatte sich zu einem Häufchen zusammengerollt. Ich konnte die Überreste der Tränen sehen. Sie hatte geweint. Lautlos. Die ganze Zeit.
Ich verstand immer noch nicht genau, was passiert war.
Seit sie in dieser Jogginghose und dem Hemd in der Wohnung aufgetaucht war, war alles viel zu schnell gegangen. Ihr Make-up war verwischt gewesen und sie war völlig durchnässt vom Regen.
Eine Stunde später waren wir ins Auto gestiegen.
Sie hatte gesagt, Roux würde uns nicht helfen. Genauso, wie Emmett es jetzt immer wieder erzählte. Aber ich glaubte ihnen nicht. Ich hatte in ihren Augen gesehen, dass Roux ihr etwas bedeutete. So hatte sie noch nie jemanden angesehen. Nicht mal Blake.
Trish sah nach hinten. »Gehts dir gut?«, formte sie mit den Lippen. Aber ich gab ihr keine Antwort. Ich wollte mit keinem von ihnen reden.
Über ein Jahr hatte ich nach meinem Bruder gesucht. Ich hatte darauf gewartet, ihn kennenzulernen, und nun kannte ich ihn. Ich mochte ihn. Er war einer der Guten, das wusste ich einfach. Und ich wusste nicht, warum mir das keiner glauben wollte.
Wir hielten an einer Tankstelle in Texas. Fuhren zurück nach Dallas. So, wie wir es besprochen hatten.
Ich zog mein Handy aus der Tasche, linste auf das Display.
Keine Nachricht.
Ich hatte Nathan gebeten, mir neben seiner auch Roux Nummer zu geben. Aber ich hatte mich nicht getraut, ihnen zu schreiben. Was auch?
Als wir endlich in Dallas ankamen, in derselben, stickigen Wohnung von vor ein paar Wochen, fühlte ich mich gefangen. Emmett schien alles schon vorher organisiert zu haben. Selbst einen Job für Robin hatte er bekommen.
Die nächsten Tage wurde alles, wie immer.
Trish, Emmett und Rob gingen arbeiten – entweder war einer von ihnen da oder keiner.
Ich saß in der Wohnung. Auf dem Bett, auf dem speckigen Sofa oder auf dem Boden. Las die unendliche Geschichte und zog das Handy heraus.
Wie seit Tagen tippte ich immer wieder dieselben Worte.
Ich bin deine Schwester.
Du bist mein Bruder, Roux.
Wir haben denselben Vater.
Aber ich tat es nicht. Weil ich es Robin versprochen hatte.
Aber warum eigentlich? Was war, wenn sie diesmal falsch lag? Wenn sie falsch liegen wollte, weil sie zuviel Angst hatte, um etwas anderes zuzulassen?

Bonusszene – Lenny – Nach dem Besuch bei Roux

*SPOILER-GEFAHR* (für alle, die “Begegnung in Red Oak Mountain noch nicht gelesen haben!)
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»Er ist wirklich nett«, sagte ich, während ich nach einem Stück der Pizza griff, die Robin nach der Arbeit mitgebracht hatte. »Wir haben zusammen gebacken und er hat mir gezeigt, wie man diese Pfannkuchen macht. Eigentlich verrät er das sonst niemanden, aber ich durfte mitmachen. Und wir waren mit dem Hund spazieren. Und er–«
»Hör auf!« Robin presste sich die Hände auf die Ohren und sprang auf.
Ich sah zu Emmett, der mit dem Kiefer malmte. Und weiter zu Trish, die mit wachsamen Augen meine Schwester musterte.
»Rob…«, begann sie, doch Robin bedeutete ihr, den Mund zu halten.
Dann sah sie mich an. »Du kannst ihm nicht vertrauen, Len. Vielleicht glaubst du das gerade, aber es ist zu gefährlich.«
»Aber…« Roux war nicht wie Dad. Er war ganz anders. Nett und freundlich und liebevoll.
»Nichts aber.« Sie schloss kurz die Augen, dann sagte sie: »Wir werden nicht hierbleiben, Len. Wir gehen weg.«
»Was?«
»Es ist das Beste«, stimmte Emmett ihr zu.
»Das ist Schwachsinn. Roux ist nicht wie …«
»Doch, Len. Er hat genauso viel Charme, wie Ronald. Er ist attraktiv und nett und freundlich – so, wie Ronald es zu Mom war, bevor er angefangen hat sie zu schlagen. Deshalb können wir ihm nicht vertrauen. Es ist zu gefährlich.«
Ich wischte mir über die Augen. »Aber er bedeutet dir doch was, Rob. Du … Du schläfst mit ihm!«
»Woher weißt du das?«, fragte Emmett. »Prahlt er damit?«
»Er musste es mir nicht erzählen. Nate hat etwas angedeutet, und ich bin doch nicht blöd. Vielleicht bin ich fünfzehn, aber ich habe doch gesehen, wie er dich ansieht und wie du ihn ansiehst. Du magst ihn.«
»Das spielt keine Rolle, Len.« Sie schluckte hart. »Es war …vom Anfang an zum Scheitern verurteilt. Und jetzt ziehe ich die Reißleine. Das ist das Beste. Für dich. Mich. Uns alle.«
»Das ist nicht wahr!« Ich kämpfte mich auf die Beine. »Du hast einfach nur Angst davor, das er dich verletzt. Aber das hat er gar nicht vor. Er ist gut, Rob. Er ist einer von den Guten.«
»Len …« Sie wendete den Blick ab, doch ich sah die Tränen in ihren Augen, ehe sie sich umdrehte und aus dem Zimmer stürmte.
Ich wusste, dass ich recht hatte. Und sie … sie wusste es auch.

Bonusszene – Robin – Nach der Nacht mit Roux

*SPOILER-GEFAHR* (für alle, die “Begegnung in Red Oak Mountain noch nicht gelesen haben!)

Alles roch nach ihm. Ich roch nach ihm. Jeder verfluchte Teil meines Körpers roch nach Roux Whitton. Wenn ich die Augen schloss, spürte ich ihn noch immer in mir. Ich spürte seine Hände auf meiner Haut, seinem Atem. Ihn.
Ich hatte sein T-Shirt mitgenommen und drückte es mir gegen das Gesicht. Saugte seinen Duft ein. Wieder und wieder und dabei redete ich mir ein, dass alles möglich wäre.
Das er und ich – das das eine Zukunft haben könnte.
»Wo warst du die ganze Nacht?« Emmett stand vor mir. In seinen verwaschen Jeans, den unzähligen Tattoos auf der nackten Brust und der Tasse Kaffee in der Hand. »Und was hast du da?«
Ich stopfte das Shirt in meine Tasche. »Das ist nichts.«
Emmetts Augen musterten mich wachsam, während ich an ihm vorbei in die Küche ging und mir ein Glas Wasser einschüttete.
»Du warst bei ihm.«
Das war keine Frage.
Als ich ihm nicht antwortete, fluchte er. »Verdammt Robin. Ich dachte, du willst dich von ihm fernhalten?«
»Tu ich doch auch!«
Ich konnte Emmetts Vorwürfe nicht gebrauchen. Innerlich verachtete ich mich doch selbst schon genug.
»Sicher…, deshalb stinkst du auch nach ihm.«
Ich wirbelte zu Emmett herum, knallte das Glas auf den Tresen und zischte: »Du verstehst das nicht.«
Roux hatte mich gebraucht. Er hatte diese Nacht gebraucht. Niemand anders hatte ihn gesehen. Heute Nachmittag, als er aus dem Hill gestürmt war … Er war anders gewesen. Überhaupt nicht wie sonst. Dieser abgehetzte, verletzte Blick … Ich hatte nach ihm sehen müssen. Ich hatte gar nicht anders gekonnt. Und als ich vor ihm gestanden hatte, da wollte ich … ich wollte ihm nah sein. Ihm geben, was er brauchte – weil ich es ebenso sehr gebraucht hatte wie er.
»Ich hab mich in ihn verliebt. Ich weiß selbst wie beschissen das ist. Gerade er. Aber was soll ich denn tun?«
Emmett sah mich eine Weile an, dann sagte er schließlich: »Schmeiß den Job hin und lass uns verpissen. Du hast selbst gesagt, dass das nicht anders geht. Also tu es!«
Ja, das hatte ich.
Ich hatte vorgehabt zu gehen, sobald es Len besser ging. Weiterzuziehen. An einen Ort weit weg von hier. Weit weg von Roux Whitton – seinem Leben, das mich einsaugte. Den Gefühlen, die mich vernebelten. Den Träumen und Sehnsüchten, die seine Gegenwart in mir aufblühen ließ.
»Morgen Nat«, murrte Emmett und ging aus der Küche. Aber nicht, ohne sich nochmal zu mir umzudrehen: »Überleg dir, was wichtiger ist. Und dann triff deine verfickte Entscheidung und zwar, bevor alles den Bach runter geht.«
Meine Hände zitterten, während ich erneut nach dem Wasserglas griff.
Nathan runzelte die Stirn. »Ihr wollt weggehen?«
»Klar.« Ich schluckte die Tränen runter und drehte mich so, dass Nathan nicht sah, wie sehr ich dagegen ankämpfen musste, bei dem Gedanken nicht in Tränen auszubrechen..
»Warum?« Seine Hand legte sich auf meine Schulter. »Warum ist das klar?«
Ich wirbelte zu ihm herum. »Weil wir das immer tun, okay?«
Ich musste mich beruhigen. Ich schluckte hart und Nathans Blick wurde weich. Nathan war ein guter Kerl. Vielleicht etwas treudoof und noch immer verliebt in die eine, die er nicht haben konnte. Doch er war ein Freund. Und in diesem Moment wünschte ich, ich könnte es ihm erzählen. Das ganze verdammte Dilemma. Aber wenn ich es tat, wenn ich es ihm erzählen würde, würde er es Roux sagen müssen. Weil er sein Freund war. Und ich konnte nicht riskieren, dass alles den Bach runterging. Emmett hatte recht. Ich wusste, wie recht er hatte.
»Es geht nicht darum, was ich will. Es geht um das, was für uns alle am Besten ist. Es ist nicht so, das du das verstehen musst, aber … Len, Emmett, Trish und ich sind eine Familie. Wir treffen die Entscheidungen zusammen. Wir wissen, was wir brauchen und manchmal ist das eben nicht das, was ein Einzelner will. So läuft das eben.«
»Robin …« Der sanfte Blick in Nathans Augen war zu viel. Die Tränen bahnten sich ihren Weg, liefen meine Wangen hinab. Er öffnete die Arme und ich ließ zu, dass er mich an sich zog. »Es geht immer um das, was wir wollen«, murmelte er. »Weil das immer das ist, was richtig ist. Und Roux und du, ihr seit euch ähnlicher, als du glaubst. Er hat Angst, genau wie du. Denn bisher hat er nie jemanden so nah an sich herangelassen. Du hast seinen Panzer aufgebrochen.«
Und er meinen. Aber was für eine Rolle spielte das? Was für eine Bedeutung hätte das noch, wenn er die Wahrheit erfuhr? Über mich und Len? Über sich selbst? Er würde sie mir wegnehmen. Irgendwann hätte er mich satt. Er würde mich aus seinem Leben schmeißen und ich würde Len an ihn verlieren.
Sie war jetzt schon hin und weg von ihm. Sie redete über ihn. Über die Ähnlichkeiten zwischen sich und wie sehr sie ihn mochte. Sie sah zu Roux auf und irgendwann hätte ich keine Bedeutung mehr in ihrem Leben.
Das ging nicht.
Das ging einfach nicht.
Sie war das einzig Beständige in einem Meer aus Dunkelheit und Scheiße.
Das würde ich nicht aufgeben.
Das konnte ich nicht aufgeben.
Nicht einmal für einen Roux Whitton.

Bonus – Lenny – Besuch bei Roux

*SPOILER-GEFAHR* (für alle, die “Begegnung in Red Oak Mountain noch nicht gelesen haben!)

»Nate?«
Ich trat zu ihm in die Küche.
»Hey Lenny.« Er drehte sich zu mir um, deutete auf das Essen. »Willst du was abhaben?«
»Nein.« Ich schob mich rückwärts auf die Arbeitsplatte und sah ihm dabei zu, wie er Pfeffer und Salz über die Eier gab, ehe er sie aus der Pfanne hob.
Ich zog die Schublade neben ihm auf und reichte ihm eine Gabel.
»Kann ich dich was fragen?«, fragte ich, als er sich mit dem Teller neben mich gestellt hatte.
Er aß gerne im Stehen – das hatte ich mittlerweile schon herausgefunden.
Er bedeutete mir mit einem Nicken, dass es okay war.
»Kannst du mich zu Roux fahren? Ich weiß nicht, wo er genau wohnt und ich will ihn besuchen.«
»Und du willst deine Schwester nicht fragen, weil …?«
»Sie es nicht wollen würde«, sagte ich mit gedämpfter Stimme. »Es ist kompliziert.«
»Das habe ich schon mitbekommen«, seufzte er, ehe er sagte: »Ich fahr dich hin. Ist kein Problem. Wann willst du hin?«
»Jetzt sofort? Solange Robin noch arbeitet, bekommt sie nicht mit, das ich weg bin. Und wenn sie es merkt, kann sie nichts mehr dagegen tun.«
Nathan lachte leise. »Ich wusste doch, alle Teenager sind rebellisch.«
Ich zuckte bloß die Schultern. War es wirklich so rebellisch seinen Bruder kennenlernen zu wollen?
»Aber schreib Emmett und Trish einen Zettel. Nicht, dass sie dich überall suchen, okay?«
»Klar. Ich schreib ihnen, du bringst mich in die Bücherei.«
»Wir haben wirklich eine.«
»Echt?« Da musste ich unbedingt hin. »Da musst du mich auch noch mal hinbringen. Wenn ich …ein bisschen anders aussehe.«
»Werde ich.«
Er stopfte sich den Rest der Spiegeleier in den Mund, stellte den Teller in die Spüle und fragte: »Wollen wir?«
Ich holte meinen Rucksack aus dem Wohnzimmer. Dann nahm ich mir einen Zettel aus dem Regal, schrieb eine kurze Nachricht, die ich auf dem Wohnzimmertisch platzierte und folgte Nathan in den Flur, wo ich meinen Mantel vom Harken nahm.
Draußen atmete ich tief ein, saugte ich die Luft in meine Lungen. Seit mehr als einer Woche war ich nicht mehr draußen gewesen.
Nathans Wagen stand nicht weit entfernt, in einer Haltebucht an der Straße. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz, legte den Gurt an und saugte alles in mir alles ein.
Die Straßen waren kleiner als in Chicago oder Dallas. Alles wirkte schöner.
»Wie lange kennen Roux und du euch schon?«
»Seit er zu seinem Onkel gezogen ist«, erklärt er, ohne den Blick von der Straße abzuwenden. »Wir sind zusammen in die erste Klasse gekommen.«
»Wo hat er denn vorher gewohnt?«
»Auf einer Farm im Umland.«
Mit Ronald.
»Und warum ist er in die Stadt gezogen?«
Nathan warf mir einen kurzen Blick zu. »Ich glaube, das solltest du ihn lieber selbst fragen, Lenny.«
»Ist er verheiratet?«
Nathan lachte leise. »Nein. Roux hält es lieber unabhängig. Zumindest war das so, bis er deine Schwester getroffen hat.«
»Oh.«
»Du wusstest es nicht, das die beiden …?«
Ich schüttelte den Kopf. »Sie sind zusammen? So richtig?«
»Sie mögen sich. Ich glaube, dass da viel mehr zwischen ihnen ist, als sie sich eingestehen wollen. Er zumindest ist verrückt nach ihr. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass ich ihn mit jemanden glücklich gesehen habe.«
Warum hatte Robin mir das nicht erzählt? Das änderte doch alles – oder nicht?

»Eigentlich wohnt Roux dadrüben«, erklärte Nathan, als wir vor einer Wohnungstür standen. »Aber er ist oft bei Jenna, Liv und der Kleinen.«
Der Kleinen? »Hat er ein Kind?«
»Liv hat eine kleine Tochter. Mayla. Roux kümmert sich viel um sie. Er ist eine Art Ersatzpapa für sie.«
Meine Brust wurde eng. Er kümmerte sich um ein Kind. So, wie Rob sich um mich gekümmert hatte. Er konnte kein schlechter Mensch sein, wenn er sich um das Kind einer Anderen kümmerte. Oder doch?
»Lenny?« Nathan musterte mich. »Alles okay?«
Gerade als ich nickte, öffnete sich die Tür und eine junge blonde Frau öffnete uns. Sie trug einen schmalen Kreuzanhänger um den Hals.
»Oh Nate«, begrüßte sie ihn. Dann fiel ihr Blick auf mich. Sie sah mich an, so wie Roux mich angesehen hatte, so wie Emmett und Trish und auch Nathan. Es war die gewohnte Mischung aus Schock und Schmerz, denn obwohl meine Wunden mittlerweile verheilter waren, sah man mir noch immer an, was passiert war.
Ich streckte die unverletzte Hand aus. »Hi«, sagte ich. »Ich bin Lenny.«
»Jenna.«
»Wir wollten Roux besuchen. Ist er hier?«
Jenna nickte. »Sie verwüsten gerade die Küche. Kommt rein.«
Nacheinander traten wir ein.
Irgendwo lief Musik. Ich hörte das Quietschen eines Kindes, dicht gefolgt von Roux Lachen und dem Schlagen von Töpfen. Kurz darauf konnte ich die Küche sehen. Das Mehl, das überall auf dem Boden verteilt war. Die Töpfe. Das kleine Mädchen, das an Roux Händen durch das Chaos hüpfte.
»Wieso hat er so gute Laune?«
Jenna senkte die Stimme: »Robin war wohl gestern Abend bei ihm. Ich glaube, das hat ihm gut getan.«
Ich hätte zu gerne gefragt, was sie meinte.
»Ich kann euch hören, Leute.« Er hob das Mädchen hoch und drehte sich zu uns um.
Im nächsten Moment fiel Roux Blick auf mich. Vor Überraschung weiteten sich seine Augen.
»Lenny.«
Er lehnte sich zurück und drehte die Musik leiser, ehe er lächelte. Er lächelte mich an. Mich.
»Hey«, sagte ich und hob die Hand. Plötzlich wusste ich nicht mehr, ob es richtig gewesen war, herzukommen.
»May und ich machen gerade Frühstück. Du kannst mir helfen, wenn du willst.« Er winkte mich heran.
Ich zögerte, doch dann stellte ich den Rucksack am Türrahmen ab und ging auf ihn zu.
Eine Eierpackung landete vor mir. »Du kannst die Eier reinrun«, erklärte er, ehe er sich zu mir hinüber beugte und flüsterte. »Sechs Stück.« Dann zwinkerte er mir zu und legte den Finger auf seine Lippen.
»Wie jetzt, du bringst ihr bei, wie man Rouxies macht?«, frage Nathan hinter uns.
»Klar. Kann man doch gar nicht früh genug mit anfangen, oder?«
»Weil du uns allen ja auch verrätst, wie man das macht.«
»Das, mein lieber Freund, ist ein Familiengeheimnis, das nur an ausgewählt Leute geht.«
Familiengeheimnis. Meine Finger erstarrten und das Ei, das ich eben noch angeschlagen hatte, landete auf dem Boden.
»Und nur so nebenbei, ich habe es dir mal verraten. Ich kann nichts dafür, dass du zu betrunken warst, um es dir zu merken.«
Ich starrte auf das Ei. War sofort zurück bei Dad.
»Lenny?«, drang Roux Stimme an mein Ohr.
»Einmal habe ich eine Packung Eier fallen lassen. Sie ist mir aus den Händen gerutscht, und dann … « Ich spürte die Hitze unter meinen Fingern, so, als wären meine Finger noch immer … »Er hat meine Hand auf die Herdplatte gedrückt, bis die Haut sich gelöst hat. Es. Tat. So. Weh.«
Die Haut hatte sich gelöst. Ich hatte noch immer eine Narbe davon. Unten, an meiner Handinnenfläche.
Nathans Arm legte sich um meine Schulter. Ich sackte gegen ihn. Zusammen mit Roux bugsierten sie mich zu einem Küchenstuhl. Meine Beine zitterten. Alles zitterte.
»Wie alt warst du damals?«
»Fast fünf.« Ich schluckte. »Es, es war der Tag vor meinem Geburtstag. Robin wollte backen. Das hat sie immer getan. Jedes Jahr eine andere Torte. Aber als ich fünf wurde, gab es keine Torte, weil Rob … Sie hat mit dem Besen nach ihm geschlagen, bis er mich losgelassen hat. Und da ist er ausgerastet und hat ihr den Arm gebrochen. Sie konnte nicht mehr weiterbacken.« Ich wischte die Tränen von meinem Gesicht. »Wisst ihr, was sie gemacht hat? Sie hat Geld aus der Spardose geklaut, und am nächsten Tag hat sie mir einen Schokoriegel geschenkt. Mit fünf kleinen rosa Kerzen. Ich musste ihn ganz schnell essen, und wir haben die Herzen nicht angezündet. Aber ich weiß noch, dass wir im Dunkeln saßen, weil die Lampe kaputt war, und sie mir versprochen hat, dass irgendwann alles gut wird. Das wir erwachsen werden und weggehen. Ganz. Weit. Weg.«
Ich wusste, dass ich ihm das nicht erzählen sollte. Dass es Robin nicht gefallen würde das ich es tat. Aber ich wollte es. Ich wollte, das er es wusste. Dass er wusste, wie mein Leben ausgesehen hatte. Meins und Robs und … Er war doch mein Bruder.
»Warum hat euch nie jemand da raus geholt?«, fragte Roux nach einer Weile.
»Weil die Menschen wegschauen«, erklärte ich. »Die Lehrer in der Schule wussten es. Die Sozialarbeiter, die ins Haus kamen. Aber Dad hat es immer wieder geschafft, es in den wichtigen Momenten so aussehen zu lassen, als wäre alles ok. Dann hat er uns Schminke gegeben oder uns so geschlagen, dass man es nicht sah. Er hat ständig erklärt, Rob wäre ein Tollpatsch oder wir wären aufeinander losgegangen. Manchmal hat er auch gesagt, Mom wäre krank und würde uns grob anpacken. Meistens hat er dann irgendeine Pillenpackung hochgehalten, die sie intus hatte, und gemeint, sie bekäme schon was dagegen.« Ich zuckte die Schultern. Ronalds Lügen waren dämlich und doch hatten sie funktioniert. Immer. Ich sah Roux in die Augen. »Ich habe oft darüber nachgedacht. Und ich glaube, die Leute wollen wegsehen. Sie wollen das Hässliche und Schlimme nicht sehen. Sie ertragen es nicht. Und deshalb tun sie so, als gäbe es das Veilchen in deinem Gesicht nicht … Manchmal kann ich es ihnen nicht mal verdenken, weißt du. Im letzten Jahr auf der Straße … wir haben so viel Schlimmes gesehen. Aber es war immer besser als zu Hause. Immer.« Manchmal darfst du nicht einschlafen, weil du weißt, dass du nie wieder aufwachen wirst. Die Menschen sterben neben dir. Der Tod ist still und leise. Und kalt.
Plötzlich war ich nicht mehr in diesem warmen Raum. Ich war zurück auf der Straße. Neben dem alten Mann, dessen leere Augen mich anstarrten. Er hatte einfach aufgehört zu atmen. Das Leben war aus ihm verschwunden. Er war gestorben. Still und leise.
Ich begann an dem Verband an meinem Finger zu pulen, um die Bilder zu vertreiben. »Rob hat immer auf mich aufgepasst. Getan, was sie konnte.« Sie hatte mich beschützt. Als Baby hatte sie meine Windeln gewechselt und die Milchfläschen gekocht. Sie hatte mich zu sich ins Bett geholt, damit ich nicht alleine war und an meiner Wiege gesessen, deabei war sie selbst erst vier, als ich geboren wurde. »Trish und Emmett auch. Wir sind eine Familie. Und ich glaube, deshalb ging es uns immer besser als den meisten. Weil wir zusammenhalten. Ich glaube, ohne die beiden hätten Rob und ich es nicht geschafft.«
Nein, ich wusste es. Nur zusammen waren wir stark.

Bonusszene – Robin – Im Hotelzimmer

*SPOILER-GEFAHR* (für alle, die “Begegnung in Red Oak Mountain noch nicht gelesen haben!)

Lenny so zu sehen brachte mich um.
Die letzten Monate hatte äußerlich nichts mehr daran erinnert, was Ronald uns angetan hatte. Ihre Haut war geheilt. Ihr Körper ganz. Doch jetzt waren da die ganzen Wunden und Prellungen. Er hatte sie mit einem Stromkabel verprügelt. Sie getreten und geschlagen. Und er hatte sie gewürgt.
Ich hatte geglaubt, ich könnte meine Gefühle so wie früher einfach abschalten. Doch der Schalter funktionierte nicht mehr.
Mich an Roux festzuklammern war nicht richtig. Nicht in diesem verfluchten Moment. Aber ich wusste auch nicht, was ich stattdessen tun sollte.
Vor ein paar Stunden noch hatte ich davon geträumt, wie es wäre, mit ihm zusammenzusein. Ein Teil seines Lebens zu sein. Doch das hier war kein verdammtes Märchen – denn das Mädchen, das ich liebte und das mir alles bedeutete, wurde wegen mir fast totgeprügelt. Ich hatte sie bei Trish und Emmett gelassen. Sie ihnen anvertraut und sie dadurch beinah verloren. Wegen einer Dummheit.
Ich hätte sie niemals alleine lassen dürfen, um nach Roux Whitton zu suchen. Ich hätte bei ihr bleiben, mich um sie kümmern müssen – damit sicher war, dass nix und niemand sie jemals an diesem Ort zurückbringen konnte.
Als die Ärztin endlich ging, war die Wut in meinem Bauch zu einem Orkan angewachsen. Ich hasste Ronald fast so sehr wie mich selbst. Und der Sturm, der in meinem Herzen tobte, machte alles nur noch schlimmer.
Ich konnte kaum noch atmen.
Ich bekam keine Luft.
Diese Wände erdrückten mich.
»Rob…es tut mir leid, ich …« Als Lennys Stimme erstarb, fachte es das Feuer in mir an. Sie sollte sich nicht bei mir entschuldigen müssen. Sie sollte heil und unversehrt und gesund sein. Es war meine Schuld, nicht ihre.

Als ich aus dem Hotelzimmer flüchtete, hetzte ich die langen Straßen entlang. Die Sonne ging gerade auf, doch in den Schatten der üblichen Straßen fand ich, was ich suchte.
Schon als Blake es mir angeboten hatte, hätte ich am Liebsten nach dem Joint gegriffen. Er kannte mich. Er hatte gewusst, was Lens Zustand mit mir anstellen würde. Dass ich ihn besser aushalten würde, wenn alles in Watte wäre.
Len sollte ein besseres Leben haben als ich. Ein Besseres als unsere Mom. Sie sollte außerhalb dieser Viertel und Straßen aufwachsen. Nicht in der Gosse, wie ich. Sie war so klug. Alles, was sie brauche, war eine Chance und ich wollte, dass sie sie bekam.
Ich wusste genau, warum meine Mom zu härteren Sachen gegriffen hatte. Der Schmerz war in ihr explodiert, er wucherte wie ein Geschwür – so wie jetzt in mir. Ich konnte es spüren. Diesmal besonders. Denn Roux hatte etwas in mir verändert. Er hatte einen Keim der Hoffnung in mir wachsen lassen. Die Hoffnung auf ein besseres, einfacheres, sichereres Leben.
Aber was war, wenn ich mir nur etwas vorgemacht hatte? Wenn alles, was ich haben konnte, der Dreck unter seinen Füßen war? Wenn alles, was ich ihm bedeutete, zu einem Nichts schrumpfen würde, sobald er erfuhr, wer Len und ich wirklich waren? Was, wenn alles, was ich gewagt hatte zu träumen, in dieser Blase zerplatzte?

Als ich high und in Watte getaucht im Hotelzimmer ankam, war Lenny auf dem Sofa eingeschlafen. Ihre Atemzüge gingen gleichmäßig und trotzdem sah sie noch immer aus, als hätte sie Schmerzen.
Ich hasste es, sie so zu sehen. Hasste, dass Ronald ihr das antun konnte. Schon wieder.
»Es geht ihr so weit gut«, erklang Roux Stimme hinter mir. »Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.«
Als ich mich umdrehte stand er direkt vor mir. Mit diesem undurchdringlichen Blick. Seine Hand glitt an meinem Gesicht entlang, doch seine Berührung drang kaum durch den Nebel. Vermutlich grinste ich, doch ich hatte meine Gesichtszüge nicht mehr unter Kontrolle.
»Bist du betrunken?«
»Nein.« Ich lief los und streckte ich die Arme aus. Eine Weile drehte ich mich im Kreis, ehe ich mich nach einigen Minuten rückwärts auf das Bett im Nebenraum fallen ließ. »Eigentlich bin ich bloß high.«
Roux setzte sich neben mich. »Was hast du genommen?«
»Ein bisschen Gras, eine Pille und Wodka. Das Geheimrezept meiner Mum«, flüsterte ich. »Nach Lens Geburt, als er angenfangen hat, mich zu verprügeln, hat sie es mir manchmal vorher gegeben. Es tut nicht so weh, hat sie gesagt. Alles ist damit ein einziger Nebel.« Ich spürte die Tränen in meinen Augen. Kämpfte dagegen an. Ich wollte nicht weinen. Wollte mich nicht schwach fühlen. Nie wieder. Doch … »Ich habe Len nicht beschützt. Diesmal war ich nicht bei ihr. Sie war ganz alleine zurück in dieser Hölle …«
Ein erstickter Laut drang aus meiner Kehle. Roux legte den Arm um mich und erst, als ich mein Gesicht gegen seine Brust presste, spürte ich, dass ich weinte. Er wiegte mich und das fühlte es sich schön an. Viel zu schön.
»Du bist jetzt bei ihr.« Ein sanfter Kuss auf meiner Stirn. »Und sie ist in Sicherheit. Niemand wird euch dorthin zurückbringen, das verspreche ich dir.«
Ich wünschte, ich könnte es ihm erzählen. Ihm alles erzählen. Und ich wünschte, er würde die Wahrheit sagen.
»Ich bin müde …« Ich konnte meine Augen nicht mehr offen halten, sie fielen einfach zu.
»Dann lass uns schlafen«, murmelte er und strich über mein Haar. Ich spürte, wie er die Stiefel von meinen Füßen streifte und dann seinen warmen Körper neben mir. Er hielt mich fest, während ich seine Hand umklammerte. So, als wäre sie der letzte Anker. Alles, was ich noch hatte.
Der Nebel saugte mich auf. Er brachte mich in die Dunkelheit, schenkte mir Erinnerungen und Schmerz, aber auch Stille

Bonuskapitel – Roux – Ein Ausflug in die Bücherei

Mayla quietschte auf, als ich die Arme in die Höhe streckte und mich mit ihr im Kreis drehte.
»Du musst das nicht tun.« Liv steckte den Borstenpinsel in das Gefäß mit Terpentin, bevor sie sich die Hände an einem Tuch abwischte. »Ich werde einfach später weitermachen, wenn Jen zurück ist.«
»Unsinn. Ich muss erst in ein paar Stunden im Hill sein.« Ich wirbelte Mayla ein letztes Mal, dann setzte ich sie auf das mit grüner Bettwäsche bezogene Bett. »Mach einfach weiter. May und ich werden schon unseren Spaß haben. Wir könnten alle Bücher in der Bibliothek durcheinanderstellen, oder May? Das wird witzig.«
»Roux!«
»War doch nur ein Witz«, beruhigte ich sie. »Wir werden uns nur im Kinderbereich aufhalten, Bücher ansehen und alles ordentlich zurückstellen, bevor wir zurückkommen um dich abzuholen. Versprochen.«
Mayla liebte es einfach, wenn man ihr vorlas.
»Danke.« Sie setzte sich zu uns aufs Bett. Die Kleine kletterte sofort auf ihren Schoß und drückte ihr einen Kuss auf die Nase. »Uss. Uss«, forderte sie.
Liv gab ihr einen Kuss auf die Nase, einen auf die Stirn und einen aufs Haar. Einen Augenblick sah sie sie an und strich über ihren Rücken, als Mayla sich an sie schmiegte.
Da war sie wieder, die Erinnerung an meine Mom.
»Also, was ist? Wollen wir los, Babygirl?«
Mayla drückte ihre Mutter einen Kuss auf die Wange, dann nahm ich sie mit in den Flur, steckte sie in ihren Schneeanzug und verließ die Wohnung.
Draußen lag noch immer Schnee. An manchen Stellen war er getaut und hatte eine glatte Eisfläche gebildet, aber es reichte, um den Schlitten hinter mir herzuziehen.
Wir ließen uns Zeit.
Ich machte Manöver mit dem Schlitten, die sie zum Lachen brachten. Formte Schneebälle, die sie zerquetschen konnte und zeigte ihr Eiszapfen, die an parkenden Autos hingen.
Die Bibliothek lag zwanzig Fußminuten entfernt, doch wir brauchten fünfunddreißig Minuten, ehe wir in der kleinen Nebenstraße ankamen.
Direkt zwischen der Highschool, die ich besucht hatte und einem kleinen Park mit dem schönsten Spielplatz in der Stadt, ragte das Gebäude in die Höhe. Es war eine Mischung aus Alt- und Neubau. Alte, dicke Backsteinwände und ein mit Glasfront versehener Neubau.
Den Schlitten sicherte ich an dem rostigen Fahrradständer am Eingang. Die Schiebetüren glitten zur Seite. Nachdem ich Mayla aus ihrem Schneeanzug geschält und unsere Sachen in einem Spind verstaut hatte, lief sie los.
Die drei Mitarbeiterinnen seufzten verzückt, als sie ihnen ihr strahlendes Lächeln schenkte und sie mit einem »Hallo« begrüßte.
Jedes Mal, wenn ich Mayla dabei beobachtete, wusste ich sicherer, dass sie irgendwann einem Mann das Herz brechen würde. Nein, nicht brechen Sie würde es aus ihm herausreißen.
Die Bibliothek war ein Gewirr aus Gängen. Ich war kein Leser, aber selbst mich faszinierte es, diese Masse an Büchern zu betrachten.
Buchrücken schmiegte sich an Buchrücken.
Reihe für Reihe.
Ich ließ May laufen. Sie hatte Spaß dabei, durch die Gänge zu hopsen und sich lachend zu mir umzudrehen. In ihrem Alter war alles ein riesen großer Abenteuerspielplatz.
Krimi’s, Thriller, Belletristik. Zeitgenössische Romane – all das ließen wir hinter uns, als wir an die Treppe gelangten, der zum Kinder- und Jugendbereich führte. Er lag ein Stockwerk tiefer und grenzte an den Sachbuchbereich.
Bis auf eine Handvoll Leute war es angenehm leer. Mayla zog ein Bilderbuch über Feuerwehrautos aus dem Regal und wir setzten uns auf eine riesige, rote Couch.
Ein Buch nach dem anderen las ich ihr vor. Tauchte ein in die Welten von Mäusen und Ponys und einem kleinen Traktor.
Nach zwei Stunden kamen wir gut gelaunt am Haus an, wo Liv bereits auf uns wartete. Mayla kletterte sofort vom Schlitten und rannte auf ihre Mom zu, die ihre Arme ausstreckte.
Im nächsten Moment fing Liv sie auf. Die Beiden wirbelten lachend im Kreis und es dauerte, bis sie zum Truck kamen.
»Bist du fertiggeworden?«, fragte ich, nachdem ich den Schlitten auf die Ladefläche geworfen hatte.
»Ja.« Lächelnd stopfte sie eine verwirrte Strähne ihres Haares zurück unter die Wollmütze. «Meine Dozentin wird begeistert sein, weil ich im Zeitplan liege. Danke nochmal.«
»Du weißt, wie gerne ich Zeit mit ihr verbringe.«
Ich musste Liv nicht erzählen, das Mayla wie eine Tochter für mich war. Ich war der Erste, der sie auf dem Arm gehalten hatte, nachdem sie geboren wurde. Jenna war nach dem Kaiserschnitt bei Liv geblieben – während ich mich um Mayla gekümmert hatte. Zugesehen hatte, wie sie ihren zierlichen Körper vermaßen. Als sie auf meinem Arm gelegen und mich mit ihren großen Augen gemustert hatte, war es um mich geschehen.
Von diesem ersten Moment an konnte ich mir nicht vorstellen, sie jemals wieder zu verlieren.

Zwanzig Minuten später ließ ich Liv mit Mayla bei Bens Apartment heraus, wo Mona und Rick auf sie warteten. Eine weitere Woche würden sie in Red Oak Mountain verbringen, ehe ihr Rückflug anstand. Es war gut, dass Liv so viel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen konnte. Sie vermisste ihre Freunde und das Leben, das sie zusammen geführt hatten.
»Danke für’s Bringen, dann muss ich nachher nicht durch die Dunkelheit zurück.« Liv setzte Mayla ab. Zielstrebig lief die Kleine auf den Schneehaufen am Wegesrand zu.
»Was habt ihr denn vor?«, fragte ich, während Mayla mit ihren Handschuhen im Schnee grub und versuchte, einen Schneeball zu formen.
»Ich weiß nicht genau. Vielleicht fahren wir nach Des Montes. Mona will unbedingt irgendwas unternehmen, aber wir haben noch nicht entschieden was.« Der demolierte Schneeball traf Liv am Mantel. »May, Süße … nicht auf Menschen werfen.« Mit hochgezogener Augenbraue drehte Liv sich zu mir um, als ich mein Lachen nicht unterdrücken konnte. »Du hast ihr das gezeigt, oder?«
»Vielleicht …« Eigentlich hatte ich ihr nur gezeigt, wie man Schneebälle machte. Nicht, wie man sie auf Menschen warf.
»Du bist unmöglich, Roux!«, sagte sie, konnte ein Lachen jedoch nicht unterdrücken.
Schließlich verabschiedeten wir uns voneinander und ich wartete, bis sie im Hauseingang verschwunden war, ehe ich mich auf den Weg ins Hill machte.

Bonusszene – Robin – Ankunft in Red Oak Mountain

*SPOILER-GEFAHR* (für alle, die “Begegnung in Red Oak Mountain noch nicht gelesen haben!)

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»Und wie willst du das machen? Du kannst nicht mal kellnern.«
Hatte meine Schwester jemals davon gehört, dass man Dinge auch lernen konnte? Also bitte …
Ich klemmte das Handy zwischen Schulter und Ohr und versuchte, den Stadtplan vor mir auszubreiten. »Len, ich krieg ihn schon dazu. Weißt du noch, als ich Blakes Job gemacht habe, während er flach lag? Niemand hat es gemerkt.«
Blake – mein Ex-Freund. Der Kerl, der mir das Herz gebrochen und dann mit unserer Kohle abgehauen war. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Hätte wissen müssen, dass es das bittere Ende war, einem Typen von der Straße mein Herz zu überlassen. Sowas tat man nicht. Niemals.
»Flyer austeilen ist nicht ganz dasselbe, wie Kaffee kochen und servieren, Rob.«
Das war sie, meine kleine, viel zu schlaue Schwester. Dafür liebte ich sie – meistens.
»Willst du, dass ich etwas über ihn herausfinde oder nicht? Ich bin nicht scharf drauf, das weißt du. Also wenn du es nicht willst, dann sag es jetzt! Dann komm ich zurück und wir gehen in irgendeinen anderen warmen Teil des Landes und vergessen ihn.«
»Nein«, sagte sie sofort. »Ich will, dass du das machst.«
»Gut. Dann lass mich das auf meine Weise machen. Ich finde das Hill, ich bekomm diesen Job und finde alles raus, was du wissen willst. Okay?«
Sie atmete aus. »Okay.«
Ging doch. Es war nicht meine Idee, diesen Roux zu finden. Es war nicht meine Idee, herauszufinden, ob er uns helfen konnte. Nicht, dass ich daran glaubte, dass er es tun würde. Wieso auch? Ganz sicher war er ein genauso großes Arschloch wie sein Vater. Aber wenn es das war, was ich Len beweisen musste, dann würde ich es tun.
Ich verabschiedete mich. Mein Handyakku piepte bereits.
Selbst wenn ich nicht kellnern konnte – es war scheiß kalt in dieser Kleinstadt. Irgendwas musste ich tun. Mein Akku war leer, der Reservetank fast und das bedeutete, dass ich die verfluchte Standheizung nicht mehr lange benutzen können würde. Und es war nun mal viel zu kalt, um auf der Straße zu schlafen.
Ich brauchte Geld und dieser Job würde mir Geld einbringen. Genug für Benzin, Essen und den Rückweg. Und nebenbei würde ich die Dinge für Lenny rausfinden und das Thema Großer Bruder ein für alle mal begraben.
Das bedeutete: Ich würde dieses Hill finden. Roux Whitton überreden, mir den Job zu geben und somit Geld und Informationen in einem erhalten.
Was war daran schon schwer? Ich hatte schon ganz andere Sachen getan. Mit Emmett und Trish für Geld eine versiffte Drogenwohnung ausgeräumt, da waren wir gerade mal siebzehn. Überall hatten Nadeln gelegen. Alles hatte gestunken. Ich hatte geputzt und mich selbst erniedrigt, hatte mit Blake und seinen Leuten in einer verlassenen Halle gehaust.
Dagegen war ein Roux Whitton gar nichts.
Ich breitete den Stadtplan aus und stellte erfreulicherweise fest, dass dieses Hill nicht weiter als ein paar Straßenecken entfernt lag. In der Nähe des Campus. Also warf ich den Stadtplan ins Auto, schnappte mir den Aushang und marschierte los. Je eher ich es hinter mir hatte, umso besser.
Nur wenige Gästen saßen im Café, als ich die verglaste Eingangstür aufstieß und eintrat. Es war warm. Viel zu warm. Nach zwei Nächten in der Kälte meines Wagens wollte ich mir am Liebsten alle Klamotten vom Leib reißen.
»Hey«, sagte ich und zog den Zettel aus meiner Jackentasche, um ihn auf den Tresen zu knallen. »Ich will diesen Job.«
Der Kerl mit den grünen Augen und der Hornbrille sah auf. »Das kann ich nicht entscheiden«, erklärte er mit einem Lächeln. »Aber einen Kaffee kann ich dir machen.«
Das fing ja großartig an.
»Nein danke, ich hasse Kaffee.«
»Und wieso willst du dann ausgerechnet in einem Cafe arbeiten, Prinzessin«, mischte sich eine dunkle Stimme ein.
Prinzessin? Was bildete der sich eigentlich ein?
Ich drehte mich um und starrte in die Augen eines Kerls, der viel zu dicht neben mir stand. Er war groß und attraktiv und sein Lächeln verschlug mir für eine Sekunde den Atem. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und verengte meine Augen zu Schlitzen. »Du bist also einer dieser Kerle, der Frauen Kosenamen verpasst, um ihnen das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu sein? Spar’s dir, kein Interesse.«
Ich widmete mich wieder dem Kerl am Tresen. Er trug eine Hornbrille, die ihn furchtbar komisch aussehen ließ, dabei könnte er ohne das Ding fast schon hübsch sein.
Der Typ hinter mir lachte leise und ich unterdrückte den Impuls, ihm irgendeinen Spruch an den Kopf zu knallen. Dachte an Len. Ich wollte das hier für sie tun. Das durfte ich nicht vergessen.
»Also, was muss ich tun, um diesen Job zu kriegen?«, fragte ich. Ich war ungeduldig. Mir war heiß. Ich fummelte an meinem Schal, um ihn zu lockern, dann zerrte ich die Mütze vom Kopf und stopfte beides in meine Manteltasche.
»Ja, was muss man dafür tun?«, fragte der Kerl neben mir beinah beiläufig und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Lippe. »Das würde mich auch blendend interessieren.«
»Kannst du nicht wen anders nerven?«, fragte ich, ehe ich mich über den Tresen lehnte. »Komm schon, ich bin perfekt für diesen Job.«
Er warf dem Kerl neben mir einen hilflosen Blick zu. »Das ist dein Metier, Chef.«
»Nenn mich nicht immer so, Steve, das lässt mich so alt aussehen.« Steve? Wer verflucht hieß schon Steve? Er trug eine Hornbrille, genau wie in dieser Sitcom – Alle unter einem Dach. Aber das bedeutete auch … Fuck.
»Er sagte dir ja, er kann dir nicht helfen«, sagte der Kerl neben mir achelzuckend.
Scheiße, dieses Lächeln.
Er griff nach dem Zettel, der im Supermarkt ausgehangen hatte. »Interessant. Andere reißen sich bloß die Nummer ab und lassen den Rest für die anderen Interessenten.«
Ein Besserwisser. Großartig. Ich biss mir auf die Lippe.
»Ich bin nicht Andere«, erklärte ich. »Außerdem erspar ich dir damit Arbeit und jede Menge Idioten, die diesen Job nicht zu schätzen wissen.«
»Aber du weißt ihn zu schätzen?« Seine Augen funkelten und ich erwiderte seinen Blick.
»Absolut.«
»Was hast du vorher gemacht?«
Verdammt. »Alles Mögliche.«
»In einem Café hast du bisher also nicht gearbeitet«, schlussfolgerte er.
Spielte das eine Rolle? »Ich kann bis weit mehr als zehn zählen, Knöpfe von einander unterscheiden, Kuchen auf Teller heben und eine Kaffeemaschine bedienen. Außerdem besitze ich eine hervorragende Auffassungsgabe und lerne schnell.« Ich schenkte ihm ein Lächeln. »Nett sein kann ich auch, zu Leuten, die es verdient haben.«
Er grinste. »Wenn du arbeitest, wie du konterst – dann hast du den Job.«
Das war ja einfacher, als ich dachte.
»Sicher das du das aushälst, Roux?«, fragte ein Blondhaariger.
Roux. Es stimmte also. Das hier war Roux Whitton.
»Alle vor ihr haben nicht mal den Mund aufbekommen.«
»Schon mal dran gedacht, dass das an deinem Ruf liegen könnte, der dir vorauseilt?«
»Ich kann nichts dafür, dass ich scharf bin, Nat.«
Oh Gott, dieses Gespräch ging mir schon jetzt auf die Nerven.
»Wo soll ich anfangen?«, fragte ich, um das Thema wieder auf den Grund zu lenken, aus dem ich hier war. »Dann könnt ihr euer Wer-hat-welche-Frauen-flachgelegt-Unterhaltung ungestört weiterführen.«
»Indem du mir deinen Namen verrätst, denn ansonsten nenn ich dich Fünf.«
»Robin. Robin Sanchez.«
»Dann schnapp dir eine der Schürzen und ich zeig ich dir alles, was wichtig ist.«

Bonuskapitel – Roux – Im Krankenhaus

Verstopfte Gehirnarterien – mehr brauchte es nicht, um gleich zwei Leben durcheinanderzubringen. Ich verstand nicht viel von dem, was der Arzt mir erklärte. Alles, was ich mitbekam, waren Worte:
Gehirnblutung. Not-OP. Langzeitfolgen. Therapie.
Worte, die so viel mehr bedeuteten und die in meinem Kopf tanzten, während ich vor dem Operationssaal stand und vor mich hinstarrte. Es waren Worte, die innerhalb von zwei Stunden alles niederwalzten. Das Leben, das ich kannte. Die Entscheidungen, die ich getroffen hatte. Die Dinge, die ich wollte. Meine Träume lösten sich in Luft auf und nichts, gar nichts, hatte mehr Bedeutung.
»Roux?«
Es waren Livs Finger, die behutsam meinen Arm berührten. Warme, dunkle Augen, die unter braunem Haar zu mir hinaufschauten. Ich blinzelte, als sich ihre Arme um meinen Hals schlangen und ihr Kopf auf meiner Brust zum Erliegen kam. Es fühlte sich wunderbar und tröstlich an, ihr eine Weile so nah sein zu können.
»Du hättest nicht herkommen müssen, Babe«, murmelte ich dicht an ihrem Haar.
»Red keinen Unsinn. Tyler ist der wichtigste Mensch in deinem Leben, Roux. Natürlich musste ich hinter euch herfahren«, sagte sie. »Wir sind Freunde.«
Als sie sich von mir löste, war ihr Blick ernst und ich drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Danke.« Dass sie hier war, bedeutete mir mehr, als ich zugeben konnte. Und es sagte mehr über unsere Freundschaft aus, als Worte es je könnten. Denn sie war hier, obwohl Krankenhäuser für sie unweigerlich mit dem Tod ihres Vaters verbunden waren. Einen Tod, den sie nie verwunden hatte. Liv wusste, wie es war, Menschen die man liebte, zu verlieren. An etwas, was stärker war als Liebe oder das Leben.
Wir ließen uns auf zwei der gelben Plastikklappstühle sinken. Unbequem und makellose zwischen ewiglangen, weißgestrichenen Wänden und schwarzem Linoleumboden.
Livs Hand legte sich auf meine. »Dein Onkel ist stark, taff und hängt viel zu sehr am Leben. Er wird das schaffen.«
Ja, vielleicht würde er das. Doch nach einem Schlaganfall war man nicht mehr derselbe. Manchmal wurde man das nie wieder. Ich hatte von Menschen gelesen, die weder sprechen noch laufen konnten. Von jemanden, der auch nach drei Jahren noch auf Pflege für die einfachsten Dinge angewiesen war.
Er würde nie mehr derselbe sein. Das war die Wahrheit – und ich wusste das.
Ich zog mein Handy aus der Hosentasche, öffnete mein Emailprogramm und begann, zu schreiben.
»Was tust du da?«
»Dem Makler absagen.« Je eher ich das tat, umso schneller lag es hinter mir. Wenn ich es jetzt tat, würde ich es nicht vor mir herschieben. Ich würde diese Halle nicht mieten. Ich konnte es nicht. Nicht mehr.
»Roux …« Mit ihrer Hand versuchte Liv, mich zu stoppen, also stand ich auf. »Meinst du Tyler würde das wollen?«
Ich tippte einen Gruß unter die Mail, dann schickte ich sie ab.
»Was soll ich denn sonst tun?«, fragte ich sie. »Er hat tagelang an meinem Bett  gesessen und darauf gewartet, das ich aufwache. Er hat mich aufgenommen. Er hat mich behandelt, als wäre ich sein Sohn und nicht nur sein Neffe. Er hat immer alles für mich getan.« Ich wollte diese Bar eröffnen. Es war mein Traum. Jeden Cent sparte ich für diesen Traum. Ich hatte eine Vision im Kopf. Einen Namen. Ein Konzept – und jetzt auch das perfekte Objekt. Am Wochenende wollte der Makler kommen, damit ich den Vertrag unterschrieb. Aber wie konnte ich einen Vertrag unterschreiben, mich in dieses Projekt stürzen, wenn ich jetzt, wo Tyler ausfiel, voll und ganz für das Hill da sein musste?
Dieses Café war Tylers Herzensprojekt und wenn es etwas gab, was ich ihm schuldete, dann, es in seinem Sinne weiterzuführen. »Ich habe ihm zuviel zu verdanken. Ich muss die Verantwortung übernehmen.«
Liv widersprach mir nicht. Vermutlich, weil sie wusste, dass sie mich nicht davon abhalten konnte und wie ernst es mir damit war, diese Verantwortung zu übernehmen. Sie wusste, dass man sich auf mich verlassen konnte. Immer.
Statt mit mir zu diskutieren,  drückte ihre Hand meine. Wir redeten nicht. Stattdessen starrten wir auf die verschlossenen Flügeltüren, hinter denen mein Onkel um sein Leben kämpfte.
Ich wusste nicht, ob er es schaffen würde. Ich wusste nicht, ob er je gesund werden würde. Und mit jeder Minute, die verging, wurde ich unruhiger. Sehnte mich danach, endlich Gewissheit zu haben.
Irgendwann klingelte mein Handy und riss mich aus den immergleichen, zermürbenden Gedanken. Als ich Janes Namen auf dem Display las, stand ich auf.
Die fröhliche, warme Stimme meiner Tante brachte mich aus der Fassung. Im Hintergrund konnte ich das Lachen ihrer Freundinnen hören und stellte mir vor, wie sie mit ihrer Schwester Claudia auf der Veranda des Strandhauses in Kalifornien saß.
»Roux mein Junge, die Neujahrswünsche hätten aber auch bis Morgen warten können.« Sie kicherte, klang so befreit und ausgelassen … Wie zur Hölle sollte ich ihr sagen, dass Tyler seit zwei Stunden operiert wurde? Dass er vielleicht sterben würde? Wie konnte ich ihr das antun, wenn sie tausende von Meilen entfernt am anderen Ende des Landes saß?
»Junge, bist du noch dran?«
Liv stand auf und streckte die Hand nach dem Telefon aus, doch ich schüttelte den Kopf.  Ich musste es sein, der es Jane sagte. Nicht sie.
»Ja.« Meine Stimme klang fremd. Viel zu weit weg. »Es ist etwas passiert, Tantchen. Mit Tyler. Er …« Raus damit. Ich musste es einfach nur sagen. Gerade heraus. Wie ein Pflaster, das man von der Haut abzog. »Er ist zusammengebrochen. Die Ärzte sagen, es war ein Schlaganfall und er hat … eine Gehirnblutung. Sie versuchen, sie zu stoppen, aber … sie wissen nicht, ob er es schafft.«
Selbst durch den Hörer konnte ich hören, wie ihr Herz brach. Wie es in Stücke fiel. Sie weinte nur leise, doch es genügte, um mein Herz mit schweren Felsbrocken zu überrollen und mir die Luft zu nehmen.