Bonusszene – Robin – Ankunft in Red Oak Mountain

*SPOILER-GEFAHR* (für alle, die “Begegnung in Red Oak Mountain noch nicht gelesen haben!)

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»Und wie willst du das machen? Du kannst nicht mal kellnern.«
Hatte meine Schwester jemals davon gehört, dass man Dinge auch lernen konnte? Also bitte …
Ich klemmte das Handy zwischen Schulter und Ohr und versuchte, den Stadtplan vor mir auszubreiten. »Len, ich krieg ihn schon dazu. Weißt du noch, als ich Blakes Job gemacht habe, während er flach lag? Niemand hat es gemerkt.«
Blake – mein Ex-Freund. Der Kerl, der mir das Herz gebrochen und dann mit unserer Kohle abgehauen war. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Hätte wissen müssen, dass es das bittere Ende war, einem Typen von der Straße mein Herz zu überlassen. Sowas tat man nicht. Niemals.
»Flyer austeilen ist nicht ganz dasselbe, wie Kaffee kochen und servieren, Rob.«
Das war sie, meine kleine, viel zu schlaue Schwester. Dafür liebte ich sie – meistens.
»Willst du, dass ich etwas über ihn herausfinde oder nicht? Ich bin nicht scharf drauf, das weißt du. Also wenn du es nicht willst, dann sag es jetzt! Dann komm ich zurück und wir gehen in irgendeinen anderen warmen Teil des Landes und vergessen ihn.«
»Nein«, sagte sie sofort. »Ich will, dass du das machst.«
»Gut. Dann lass mich das auf meine Weise machen. Ich finde das Hill, ich bekomm diesen Job und finde alles raus, was du wissen willst. Okay?«
Sie atmete aus. »Okay.«
Ging doch. Es war nicht meine Idee, diesen Roux zu finden. Es war nicht meine Idee, herauszufinden, ob er uns helfen konnte. Nicht, dass ich daran glaubte, dass er es tun würde. Wieso auch? Ganz sicher war er ein genauso großes Arschloch wie sein Vater. Aber wenn es das war, was ich Len beweisen musste, dann würde ich es tun.
Ich verabschiedete mich. Mein Handyakku piepte bereits.
Selbst wenn ich nicht kellnern konnte – es war scheiß kalt in dieser Kleinstadt. Irgendwas musste ich tun. Mein Akku war leer, der Reservetank fast und das bedeutete, dass ich die verfluchte Standheizung nicht mehr lange benutzen können würde. Und es war nun mal viel zu kalt, um auf der Straße zu schlafen.
Ich brauchte Geld und dieser Job würde mir Geld einbringen. Genug für Benzin, Essen und den Rückweg. Und nebenbei würde ich die Dinge für Lenny rausfinden und das Thema Großer Bruder ein für alle mal begraben.
Das bedeutete: Ich würde dieses Hill finden. Roux Whitton überreden, mir den Job zu geben und somit Geld und Informationen in einem erhalten.
Was war daran schon schwer? Ich hatte schon ganz andere Sachen getan. Mit Emmett und Trish für Geld eine versiffte Drogenwohnung ausgeräumt, da waren wir gerade mal siebzehn. Überall hatten Nadeln gelegen. Alles hatte gestunken. Ich hatte geputzt und mich selbst erniedrigt, hatte mit Blake und seinen Leuten in einer verlassenen Halle gehaust.
Dagegen war ein Roux Whitton gar nichts.
Ich breitete den Stadtplan aus und stellte erfreulicherweise fest, dass dieses Hill nicht weiter als ein paar Straßenecken entfernt lag. In der Nähe des Campus. Also warf ich den Stadtplan ins Auto, schnappte mir den Aushang und marschierte los. Je eher ich es hinter mir hatte, umso besser.
Nur wenige Gästen saßen im Café, als ich die verglaste Eingangstür aufstieß und eintrat. Es war warm. Viel zu warm. Nach zwei Nächten in der Kälte meines Wagens wollte ich mir am Liebsten alle Klamotten vom Leib reißen.
»Hey«, sagte ich und zog den Zettel aus meiner Jackentasche, um ihn auf den Tresen zu knallen. »Ich will diesen Job.«
Der Kerl mit den grünen Augen und der Hornbrille sah auf. »Das kann ich nicht entscheiden«, erklärte er mit einem Lächeln. »Aber einen Kaffee kann ich dir machen.«
Das fing ja großartig an.
»Nein danke, ich hasse Kaffee.«
»Und wieso willst du dann ausgerechnet in einem Cafe arbeiten, Prinzessin«, mischte sich eine dunkle Stimme ein.
Prinzessin? Was bildete der sich eigentlich ein?
Ich drehte mich um und starrte in die Augen eines Kerls, der viel zu dicht neben mir stand. Er war groß und attraktiv und sein Lächeln verschlug mir für eine Sekunde den Atem. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und verengte meine Augen zu Schlitzen. »Du bist also einer dieser Kerle, der Frauen Kosenamen verpasst, um ihnen das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu sein? Spar’s dir, kein Interesse.«
Ich widmete mich wieder dem Kerl am Tresen. Er trug eine Hornbrille, die ihn furchtbar komisch aussehen ließ, dabei könnte er ohne das Ding fast schon hübsch sein.
Der Typ hinter mir lachte leise und ich unterdrückte den Impuls, ihm irgendeinen Spruch an den Kopf zu knallen. Dachte an Len. Ich wollte das hier für sie tun. Das durfte ich nicht vergessen.
»Also, was muss ich tun, um diesen Job zu kriegen?«, fragte ich. Ich war ungeduldig. Mir war heiß. Ich fummelte an meinem Schal, um ihn zu lockern, dann zerrte ich die Mütze vom Kopf und stopfte beides in meine Manteltasche.
»Ja, was muss man dafür tun?«, fragte der Kerl neben mir beinah beiläufig und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Lippe. »Das würde mich auch blendend interessieren.«
»Kannst du nicht wen anders nerven?«, fragte ich, ehe ich mich über den Tresen lehnte. »Komm schon, ich bin perfekt für diesen Job.«
Er warf dem Kerl neben mir einen hilflosen Blick zu. »Das ist dein Metier, Chef.«
»Nenn mich nicht immer so, Steve, das lässt mich so alt aussehen.« Steve? Wer verflucht hieß schon Steve? Er trug eine Hornbrille, genau wie in dieser Sitcom – Alle unter einem Dach. Aber das bedeutete auch … Fuck.
»Er sagte dir ja, er kann dir nicht helfen«, sagte der Kerl neben mir achelzuckend.
Scheiße, dieses Lächeln.
Er griff nach dem Zettel, der im Supermarkt ausgehangen hatte. »Interessant. Andere reißen sich bloß die Nummer ab und lassen den Rest für die anderen Interessenten.«
Ein Besserwisser. Großartig. Ich biss mir auf die Lippe.
»Ich bin nicht Andere«, erklärte ich. »Außerdem erspar ich dir damit Arbeit und jede Menge Idioten, die diesen Job nicht zu schätzen wissen.«
»Aber du weißt ihn zu schätzen?« Seine Augen funkelten und ich erwiderte seinen Blick.
»Absolut.«
»Was hast du vorher gemacht?«
Verdammt. »Alles Mögliche.«
»In einem Café hast du bisher also nicht gearbeitet«, schlussfolgerte er.
Spielte das eine Rolle? »Ich kann bis weit mehr als zehn zählen, Knöpfe von einander unterscheiden, Kuchen auf Teller heben und eine Kaffeemaschine bedienen. Außerdem besitze ich eine hervorragende Auffassungsgabe und lerne schnell.« Ich schenkte ihm ein Lächeln. »Nett sein kann ich auch, zu Leuten, die es verdient haben.«
Er grinste. »Wenn du arbeitest, wie du konterst – dann hast du den Job.«
Das war ja einfacher, als ich dachte.
»Sicher das du das aushälst, Roux?«, fragte ein Blondhaariger.
Roux. Es stimmte also. Das hier war Roux Whitton.
»Alle vor ihr haben nicht mal den Mund aufbekommen.«
»Schon mal dran gedacht, dass das an deinem Ruf liegen könnte, der dir vorauseilt?«
»Ich kann nichts dafür, dass ich scharf bin, Nat.«
Oh Gott, dieses Gespräch ging mir schon jetzt auf die Nerven.
»Wo soll ich anfangen?«, fragte ich, um das Thema wieder auf den Grund zu lenken, aus dem ich hier war. »Dann könnt ihr euer Wer-hat-welche-Frauen-flachgelegt-Unterhaltung ungestört weiterführen.«
»Indem du mir deinen Namen verrätst, denn ansonsten nenn ich dich Fünf.«
»Robin. Robin Sanchez.«
»Dann schnapp dir eine der Schürzen und ich zeig ich dir alles, was wichtig ist.«

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