Bonusszene – Liv – Maylas Geburt

picsart_02-11-91745977808.jpg

Irgendwas stimmte nicht. Ich presste die Finger gegen den harten Bauch, versuchte, mich auf die Bewegungen im Inneren zu konzentrieren. Doch die Dunkelheit, die mich umgab, ließ die Panik steigen. Ich tastete nach der Taschenlampe. Als ich sie endlich fand, schaltete ich das Licht ein und setzte mich auf. Versuchte zu begreifen, was auf einmal anders war. Trank einen Schluck, dann noch einen. Immer wieder wurde mein Bauch hart, immer wieder zog ich mich zusammen.
Aber es wurde nicht besser.
In der Dunkelheit der Nacht stolperte ich aus dem Wagen. Mit der rechten Hand glitt ich an der Karosserie entlang. Lief umher. Links herum. Rechts herum. Der Druck wurde besser, doch jedes Mal, wenn ich mich zurück auf den Sitz fallen ließ, war er so unerträglich wie zuvor.
Nach Stunden kroch die Sonne über den Horizont, hüllte alles in ein zartes, orangenes Licht. Meine Füße schmerzten. Ich war müde. Doch ich fand keine Ruhe, schaffte es nicht, mich auszuruhen.
»Was machst du mit mir?«, flüsterte ich und ließ mich wieder gegen das Auto sinken. Dann, mit einem Mal, war es, als würde sich etwas in mir aufblähen und im nächsten Moment zerplatzen. Warme Flüssigkeit rann an meinen Innenschenkeln hinab. Durchtränkte meine Hose.
Nein. Nein. Nein.
Tränen liefen über meine Wangen, als mir klar wurde, was das hier bedeutete. Wehen. Meine Fruchtblase, sie war geplatzt. Das Baby wollte raus. Hier, mitten auf einer Straße in irgendeiner Kleinstadt in Iowa.
Ich brauchte Hilfe.
Ich sah die Straße hinunter und traf eine Entscheidung. Riss meinen Rucksack vom Beifahrersitz. Schob zitternd den Schlüssel ins Schloss und ging langsam, schwer atmend, die Straße hinunter. Doch der Supermarkt war noch geschlossen. Niemand war zu sehen. Nirgendwo. Panik breitete sich in mir aus. Kroch den Hals hinauf und zog meine Lungenflügel zusammen.
Beruhig dich Liv. Denk nach.
»Ist alles okay mit dir?«, ertönte eine Stimme hinter mir, die mir irgendwie bekannt vorkam. Doch woher? »Liv?«
Jenna. Ich drehte den Kopf. Sah, dass das sie mit ihrem Hund hinter mir stehen geblieben war.
»Das Baby kommt. Ich … ich … ich …« Ich krümmte mich, als die nächste Wehe anrollte. Fand keinen Halt, sackte in mich zusammen und schluchzte auf. Oh Gott. Oh Gott. Mach, dass das aufhört.
Es tat weh.
Es tat so furchtbar weh.
Als die Wehe endlich vorbei war, spürte ich Jennas Arm um meine Schulter. »Komm«, sagte sie. »Wir bringen dich ins Krankenhaus.«
Sie stützte mich, doch es dauerte ewig, bis wir endlich die Straße überquert hatten. Immer wieder rollte eine Wehe heran, zwang mich in die Knie.
»Alles wird gut.«
Würde es das? Würde wirklich alles gut werden? Ich bekam ein Baby. Ein Baby! Und ich hatte weder Flaschen, noch Kleidung, noch ein Zuhause. Ich hatte gar nichts. Ich hatte Niemanden.
Vor der Eingangstür eines der Häuser, die alle gleich aussahen, blieb sie stehen. Sie drückte auf eine Klingel. Immer wieder.
»Roux«, sagte sie, als eine männliche Stimme an der Gegensprechanlage erklang. »Ich brauch deine Hilfe.«
Ich wusste nicht, wie lange es dauerte, nur Sekunden, oder Minuten, doch plötzlich war ein Mann da. Sein Haar war zerzaust, er trug kurze Hosen und ein Shirt. Seine Haut hatte die Farbe eines milden Milchkaffees.
»Was ist los?«, fragte er und sah mir direkt in die Augen.
»Das Baby kommt«, erklärte Jenna. »Liv muss ins Krankenhaus. Sofort.«
Der Mann – Roux – brachte den Hund ins Haus, während Jenna mir auf den Rücksitz eines alten Trucks half.
Noch ehe ich angeschnallt war, war der Mann wieder da und startete den Motor.
Während der Fahrt versuchte ich, mich daran zu erinnern, was ich in dem Ratgeber gelesen hatte. Mitatmen. Wie sollte das funktionieren? Es tat weh. Es tat so furchtbar weh.
»Liv, sieh mich an!« Vom Beifahrersitz aus suchte Jenna meinen Blick. »Das Baby möchte raus, dafür öffnet es den Weg. Dein Körper tut genau das, was er soll. Du kannst ihm vertrauen.« Über den Sitz fassten ihre Finger nach meinen. »Schließ die Augen und konzentrier dich auf das Baby. Sprich mit ihm.«
Ich hatte keine Ahnung, woher Jenna die Zuversicht nahm, aber ich tat, was sie sagte. Konzentrierte mich auf das Baby. Stellte es mir vor. Redete im Stillen mit ihm. Versprach, dass alles gut werden würde, obwohl ich nicht wusste, ob es stimmte.
Acht Wehen später erreichten wir das Krankenhaus.
Vier Weitere den Kreißsaal.
»Soll ich jemanden anrufen?«, fragte Roux mich.
Ich schüttelte den Kopf. Im nächsten Moment presste ich mich dicht an die Wand und drückte meinen Kopf auf meine Brust. Am Liebsten hätte ich mich festgekrallt, aber da war nichts.
»Nimm meine Hand«, erklärte Jenna und ich ergriff sie. Ich kannte sie nicht, ich wusste nichts über diese junge Frau, und doch war sie mehr Halt, als alles, was ich in den letzten Monaten gehabt hatte.
Sie ließ mich nicht alleine.
Nicht im Kreißsaal. Nicht, als die Ärztin mich untersuchte. Nicht, als die Herztöne absackten und sie erklärten, dass sie das Baby holen mussten. »Ich bleibe bei dir«, versprach Jenna und ihre Stimme war das Letzte, was ich hörte, ehe alles in Dunkelheit und Stille versank.

***

Das Erste, was ich wahrnahm, als ich aus der Narkose erwachte, war Jennas Hand auf meiner. Blinzelnd öffnete ich die Augen. Mein Mund war trocken und mein Kopf fühlte sich wie in Watte an.»Wo ist …?«
»Sie ist hier.« Roux. Auch er war noch da. Sie? Ich hatte …
»Es ist ein Mädchen.« Er trat neben mein Bett und legte das kleine Bündel Leben in meinem Arm ab. Sie war winzig. Ihre Finger waren klein und schmal und ihre Augen sahen mich an.
»Sie ist 3523 Gramm schwer und 51cm groß«, erklärte Jenna. »Und kerngesund. Es geht ihr gut.«
Ich strich über ihre Haut. Weich und perfekt. Konnte nicht fassen, dass das hier wirklich passiert war. Das ich ein Baby hatte. Eine Tochter.
»Weißt du, wie du sie nennen willst?«, fragte sie nach einer Weile.
»Ja.« Ihre kleinen Finger legten sich um meine, hielten mich fest. »Sie soll Mayla heißen.«
Mayla. Es war arabisch und es bedeutete Hoffnung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.