Bonusszene – Liv – Die erste Begegnung

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Ich zog den Geldbeutel hervor, bezahlte die drei Flaschen Wasser, die trockenen Brötchen, den Joghurt, den Schokoriegel und die zwei Bananen.
Während ich schwer atmend zurück zu meinem Auto watschelte, dachte ich an den vollen Kühlschrank in der WG, an mein Lieblingsessen vom Asiaten und an den leckeren Darjeeling-Tee, den Ben immer kochte. Doch dann schob ich die Gedanken beiseite. An Redfield zu denken, an meinen besten Freund Ben, an Rick und Mona, an die Momente, die ich mit ihnen verband und daran, wie sehr ich sie vermisste, machte nichts besser. Ich würde sie nie wieder sehen und je schneller ich mich an den Gedanken gewöhnte, umso besser.
Ich verstaute das Wasser und die Brötchen auf dem Beifahrersitz, verschloss den Wagen und lief mit den Bananen und dem Joghurt ein Stück tiefer in den Wald hinein, bis zu der umgestürzten Eiche, die ich vor drei Tagen hier entdeckt hatte. Der Platz war schön. Lichtdurchflutet, windgeschützt und ruhig. Außerdem konnte ich meinen schmerzenden Rücken gegen einen anderen Baumstumpf lehnen. Ich aß eine der Bananen und kippte Wasser in meinen Mund, während das Strampeln des Babys meinen Bauch ausfüllte. Nicht lange, und der Druck auf meine Blase war so stark, dass ich Wasser und das restliche Essen in meiner Tasche verstaute und mir ein Plätzchen suchte, um mich zu erleichtern. Mit dem riesigen Bauch schob ich mich durch das Geäst. Langsam, weil ich meine Füße nicht mehr sehen konnte.
Obwohl es ein seltsames Gefühl war, im Freien zu pinkeln, hatte ich mich daran gewöhnt. Wenn einem nichts anderes übrig blieb, konnte man sich plötzlich an den unterschiedlichsten Orten erleichtern.
Ich hatte mir gerade die Hose hochgezogen, als ein Ruf mich zusammenfahren ließ. »Vorsicht!«
Ruckartig drehte ich den Kopf und entdeckte eine junge, blondhaarige Frau, die wie wild mit den Armen in meine Richtung deutete. Als ich den Blick senkte, entdeckte ich den schwarzen Hund, der auf mich zustürmte. Ich sprang zur Seite, knallte mit dem Kopf gegen einen herunterhängenden Ast. Dann war der Hund auch schon bei mir. Schwanzwedelnd und hechelnd stand er da, während ich schützend die Hände vor meinen Bauch legte.
»Cester. Sitz.« Von der anderen Seite stapfte die junge Frau heran. Ihr helles Haar fiel über ihre Schultern, um den Hals trug sie einen Kreuzanhänger, in ihrer Hand hielt sie eine Lederleine. Der Hund gehorchte.
»Es tut mir so leid, ich hab dich nicht gesehen. Hat er dich angesprungen?«, fragte sie. Ihre Finger streichelten über das schwarze, zottelige Fell des Hundes.
»Nein. Alles okay.«
»Gott sei dank.« Erleichtert atmete sie aus. »Ich treffe sonst nie jemanden um diese Zeit hier, deshalb lasse ich ihn laufen. Er ist noch so jung und muss sich austoben.« Fiepend schmiegte sich der Hund – Cester – gegen ihre Hand. »Aber er ist ganz lieb, nur etwas ungestüm.«
Durch seine dunklen, glänzenden Augen sah der Hund zu mir auf, während sie die Leine an seinem Halsband befestigte. »Ich bin Jenna.« Sie streckte mir die Hand entgegen und ich ergriff sie.
»Liv.«
»Weißt du schon, was es wird?« Sie deutete auf meinen Bauch.
Ich biss mir auf die Lippen, schüttelte den Kopf. »Nein.« Woher sollte ich es auch wissen? Es war fast sechs Monate her, seit ich erfahren hatte, dass ich dieses Baby bekommen würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte man nichts mehr als den wildschlagenden Herzschlag erkennen können.
»Dann wirst du es ja bald wissen.« Jenna lächelte. »Sieht aus, als wenn es nicht mehr lange dauert.«
Benommen nickte ich. Seit Wochen hatte ich mit den Menschen um mich herum nicht mehr als einige notwendige Worte gewechselt. Und jetzt war ich mitten in ein Gespräch verwickelt, von dem ich nicht einmal wusste, ob ich es führen wollte.
Eine Weile sah sie mich an, dann zerrte Cester an der Leine. »Ich muss dann weiter«, sagte sie und ließ sich von ihrem Hund zurück auf den Weg ziehen. »War schön dich kennenzulernen, Liv. Viel Glück für die Geburt.«
Ich schaute ihr nach und für einen Augenblick beneidete ich sie. Um die Leichtigkeit ihres Lebens und das Zuhause, das sie hatte.

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