Bonuskapitel – Roux – Ein Ausflug in die Bücherei

Mayla quietschte auf, als ich die Arme in die Höhe streckte und mich mit ihr im Kreis drehte.
»Du musst das nicht tun.« Liv steckte den Borstenpinsel in das Gefäß mit Terpentin, bevor sie sich die Hände an einem Tuch abwischte. »Ich werde einfach später weitermachen, wenn Jen zurück ist.«
»Unsinn. Ich muss erst in ein paar Stunden im Hill sein.« Ich wirbelte Mayla ein letztes Mal, dann setzte ich sie auf das mit grüner Bettwäsche bezogene Bett. »Mach einfach weiter. May und ich werden schon unseren Spaß haben. Wir könnten alle Bücher in der Bibliothek durcheinanderstellen, oder May? Das wird witzig.«
»Roux!«
»War doch nur ein Witz«, beruhigte ich sie. »Wir werden uns nur im Kinderbereich aufhalten, Bücher ansehen und alles ordentlich zurückstellen, bevor wir zurückkommen um dich abzuholen. Versprochen.«
Mayla liebte es einfach, wenn man ihr vorlas.
»Danke.« Sie setzte sich zu uns aufs Bett. Die Kleine kletterte sofort auf ihren Schoß und drückte ihr einen Kuss auf die Nase. »Uss. Uss«, forderte sie.
Liv gab ihr einen Kuss auf die Nase, einen auf die Stirn und einen aufs Haar. Einen Augenblick sah sie sie an und strich über ihren Rücken, als Mayla sich an sie schmiegte.
Da war sie wieder, die Erinnerung an meine Mom.
»Also, was ist? Wollen wir los, Babygirl?«
Mayla drückte ihre Mutter einen Kuss auf die Wange, dann nahm ich sie mit in den Flur, steckte sie in ihren Schneeanzug und verließ die Wohnung.
Draußen lag noch immer Schnee. An manchen Stellen war er getaut und hatte eine glatte Eisfläche gebildet, aber es reichte, um den Schlitten hinter mir herzuziehen.
Wir ließen uns Zeit.
Ich machte Manöver mit dem Schlitten, die sie zum Lachen brachten. Formte Schneebälle, die sie zerquetschen konnte und zeigte ihr Eiszapfen, die an parkenden Autos hingen.
Die Bibliothek lag zwanzig Fußminuten entfernt, doch wir brauchten fünfunddreißig Minuten, ehe wir in der kleinen Nebenstraße ankamen.
Direkt zwischen der Highschool, die ich besucht hatte und einem kleinen Park mit dem schönsten Spielplatz in der Stadt, ragte das Gebäude in die Höhe. Es war eine Mischung aus Alt- und Neubau. Alte, dicke Backsteinwände und ein mit Glasfront versehener Neubau.
Den Schlitten sicherte ich an dem rostigen Fahrradständer am Eingang. Die Schiebetüren glitten zur Seite. Nachdem ich Mayla aus ihrem Schneeanzug geschält und unsere Sachen in einem Spind verstaut hatte, lief sie los.
Die drei Mitarbeiterinnen seufzten verzückt, als sie ihnen ihr strahlendes Lächeln schenkte und sie mit einem »Hallo« begrüßte.
Jedes Mal, wenn ich Mayla dabei beobachtete, wusste ich sicherer, dass sie irgendwann einem Mann das Herz brechen würde. Nein, nicht brechen Sie würde es aus ihm herausreißen.
Die Bibliothek war ein Gewirr aus Gängen. Ich war kein Leser, aber selbst mich faszinierte es, diese Masse an Büchern zu betrachten.
Buchrücken schmiegte sich an Buchrücken.
Reihe für Reihe.
Ich ließ May laufen. Sie hatte Spaß dabei, durch die Gänge zu hopsen und sich lachend zu mir umzudrehen. In ihrem Alter war alles ein riesen großer Abenteuerspielplatz.
Krimi’s, Thriller, Belletristik. Zeitgenössische Romane – all das ließen wir hinter uns, als wir an die Treppe gelangten, der zum Kinder- und Jugendbereich führte. Er lag ein Stockwerk tiefer und grenzte an den Sachbuchbereich.
Bis auf eine Handvoll Leute war es angenehm leer. Mayla zog ein Bilderbuch über Feuerwehrautos aus dem Regal und wir setzten uns auf eine riesige, rote Couch.
Ein Buch nach dem anderen las ich ihr vor. Tauchte ein in die Welten von Mäusen und Ponys und einem kleinen Traktor.
Nach zwei Stunden kamen wir gut gelaunt am Haus an, wo Liv bereits auf uns wartete. Mayla kletterte sofort vom Schlitten und rannte auf ihre Mom zu, die ihre Arme ausstreckte.
Im nächsten Moment fing Liv sie auf. Die Beiden wirbelten lachend im Kreis und es dauerte, bis sie zum Truck kamen.
»Bist du fertiggeworden?«, fragte ich, nachdem ich den Schlitten auf die Ladefläche geworfen hatte.
»Ja.« Lächelnd stopfte sie eine verwirrte Strähne ihres Haares zurück unter die Wollmütze. «Meine Dozentin wird begeistert sein, weil ich im Zeitplan liege. Danke nochmal.«
»Du weißt, wie gerne ich Zeit mit ihr verbringe.«
Ich musste Liv nicht erzählen, das Mayla wie eine Tochter für mich war. Ich war der Erste, der sie auf dem Arm gehalten hatte, nachdem sie geboren wurde. Jenna war nach dem Kaiserschnitt bei Liv geblieben – während ich mich um Mayla gekümmert hatte. Zugesehen hatte, wie sie ihren zierlichen Körper vermaßen. Als sie auf meinem Arm gelegen und mich mit ihren großen Augen gemustert hatte, war es um mich geschehen.
Von diesem ersten Moment an konnte ich mir nicht vorstellen, sie jemals wieder zu verlieren.

Zwanzig Minuten später ließ ich Liv mit Mayla bei Bens Apartment heraus, wo Mona und Rick auf sie warteten. Eine weitere Woche würden sie in Red Oak Mountain verbringen, ehe ihr Rückflug anstand. Es war gut, dass Liv so viel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen konnte. Sie vermisste ihre Freunde und das Leben, das sie zusammen geführt hatten.
»Danke für’s Bringen, dann muss ich nachher nicht durch die Dunkelheit zurück.« Liv setzte Mayla ab. Zielstrebig lief die Kleine auf den Schneehaufen am Wegesrand zu.
»Was habt ihr denn vor?«, fragte ich, während Mayla mit ihren Handschuhen im Schnee grub und versuchte, einen Schneeball zu formen.
»Ich weiß nicht genau. Vielleicht fahren wir nach Des Montes. Mona will unbedingt irgendwas unternehmen, aber wir haben noch nicht entschieden was.« Der demolierte Schneeball traf Liv am Mantel. »May, Süße … nicht auf Menschen werfen.« Mit hochgezogener Augenbraue drehte Liv sich zu mir um, als ich mein Lachen nicht unterdrücken konnte. »Du hast ihr das gezeigt, oder?«
»Vielleicht …« Eigentlich hatte ich ihr nur gezeigt, wie man Schneebälle machte. Nicht, wie man sie auf Menschen warf.
»Du bist unmöglich, Roux!«, sagte sie, konnte ein Lachen jedoch nicht unterdrücken.
Schließlich verabschiedeten wir uns voneinander und ich wartete, bis sie im Hauseingang verschwunden war, ehe ich mich auf den Weg ins Hill machte.

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