Bonuskapitel – Robin – Zurück in Red Oak Mountain

*SPOILER-GEFAHR* (für alle, die “Begegnung in Red Oak Mountain noch nicht gelesen haben!)picsart_02-11-08-583768614.jpg

Ich versuchte, Roux zu vergessen. Doch die Momente mit ihm tanzten vor meinen Augen, sobald ich sie schloss. Nachts in der Dunkelheit des Zimmers, das ich mir mit Lenny teilte, konnte ich noch immer seine Hände auf mir spüren. Ich stellte mir vor, wie er mich küsste. Wie er mich an sich zog.
Ich liebe dich.
Er liebte mich. Roux Whitton liebte mich. Niemand hatte mich bisher geliebt – nicht einmal Blake. Alles, was ich kannte, waren Zweckbeziehungen. Aber jetzt, wo ich wusste, wie es sich anfühlte, brachte es mich fast um.
Weil ich ihn auch liebte.
Ich kümmerte mich um die stumpfsinnige Werbung, verteilte sie an Passanten und konnte auch nach Wochen nicht aufhören, an Roux zu denken. Es war, als hätte er meine Gedanken besetzt. Als gäbe es nichts außer ihn. So war es noch nie gewesen. So sollte es nicht sein. Das war nicht der Plan gewesen. Ich hatte nicht vorgehabt, mich zu verlieben. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet er es sein würde, der mein Herz einnahm.
Len war sauer auf mich und sprach kaum mit mir. Sie verstand es nicht – und das konnte ich ihr nicht einmal verübeln. Ich hatte sie verraten, indem ich mich selbst verraten hatte. Aber immerhin hielt sie sich an das Versprechen. Wir waren eine Familie, alles, was sie hatte. Sie würde das nicht aufs Spiel setzen – nicht einmal, wenn es bedeutete ihren Bruder wieder zu verlieren.
Als ich das letzte Päckchen Flyer verteilt hatte, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Die Wohnung lag in einem schäbigen Viertel – doch sie war besser als viele andere Zimmer, die wir bewohnt hatten.
Ich schloss die Tür auf. »Bin zurück«, rief ich in die Wohnung. Doch anders als sonst, war es still. Viel zu still.
»Len?«
Ich ließ meine Tasche fallen und rannte in die Wohnung. Badezimmer. Küche. Schlafzimmer. Wohnzimmer. Alles leer. Bis auf einen Zettel.
Was verflucht …?
Ich muss es ihm sagen. Verzeih mir. Len
Nein. NEIN. Nein.
Ich zerknüllte den Zettel in meinen Fingern und schmetterte ihn gegen die Wand.
Wie lange war es her, seit sie diesen Zettel geschrieben hatte? Wenn es heute Morgen gewesen war, dann … dann war sie schon längst dort. Außer … außer, sie wurde aufgegriffen. Wie konnte sie so dumm sein?
Ich zerrte das Handy hervor, wählte ihre Nummer. Es klingelte. Aber sie hob nicht ab.
»Len, verfluchte scheiße. Ruf. Mich.an.«
Dann rief ich Trish an.
»Ich bin in einer halben Stunde da«, sagte sie, ohne das ich sie danach gefragt hatte.
»Len ist weg«, platze ich heraus. »Sie ist auf dem Weg zu ….«
Trishs Stimme war erstaunlich ruhig. »Was hast du erwartet? Das sie das diesmal schluckt? Du kennst sie, sie hat monatelang nach ihm gesucht. Sie hatte kein anderes Thema als ihn.«
»Das ist nicht hilfreich«, knurrte ich.
»Ich weiß. Aber Rob, sie mag ihn. Er ist ihr Bruder. Natürlich will sie ihn kennenlernen.«
»Ich will aber nicht das sie …«
»Ich weiß.«
Mein Blick streifte die Autoschlüssel auf dem Flurschrank. »Ich muss es ihm selbst sagen«, verkündete ich. »Vielleicht ist es noch nicht zu spät.«
»Rob …«
»Sag Emmett Bescheid. Ich nehm das Auto.«

***

Roux war nicht im Hill. Ich eilte zurück zum Wagen, als zwei Hände vorschellten, mich packten.
»Na sieh mal einer an, wen wir hier haben.« Ronald. Seine Stimme dicht an meinem Ohr.
Bevor ich schreien konnte, presste sich eines seiner Hände auf meinen Mund. Ein widerlicher Geruch, ätzend und beißend, drang in meine Nase. Ich versuchte, nach ihm zu treten, doch schon im nächsten Moment verschlang mich die Dunkelheit.

Als ich die Augen öffnete, lag ich auf einem alten Teppich und starrte auf alte, graue Raufasertapete. Ronald, der mir gegenüber auf einem Sessel saß, drückte mir den Schuh in die Seite. »Dachte schon, du würdest noch länger tote Hure spielen.«
Hure.
Sooft hatte er mich so genannt. Für ihn war ich nichts anderes als das. Das Kind einer ehemaligen Hure, dass er vom ersten Moment gehasst hatte.
Er erhob sich aus dem Sessel, als ich mich aufrappelte.
»Lass mich in Ruhe!« Ich trat nach ihm, doch das entlockte ihm nichts weiter als ein müdes Lächeln.
»Wo steckt die kleine Kröte?«
»Glaubst du wirklich, ich würde dir das sagen?« Ich lachte leise. »Selbst wenn du mich umbringst, wirst du nicht . AUA.« Er zerrte mich an meinen Haaren, schubste mich.
»Strapazier meine Nerven ja nicht weiter, du kleine Schlampe! Helf mir lieber.«
»Wobei? Beim Unordnung machen?«
Seine Faust traf mich mitten im Gesicht. »Papiere zu finden.«
Hatte Roux nicht was von einer Farm erzählt? Der Farm seines Dads? War Ronald deshalb hier?
»Du brauchst also Kohle und musst deinen Sohn deshalb bestehlen?«
Der nächste Faustschlag traf mich.
»Du kannst mich sooft schlagen, wie du willst. Ich verrate. Dir. Gar. Nichts.« Ich ballte meine Hände zu Fäusten und ging auf ihn los. Doch das brachte ihn nur dazu, eine Vase aus der Ecke zu greifen und sie gegen meinen Körper zu donnern. Ich schrie, als Schmerz in mir aufflammte. Ich knallte gegen die Schrankwand. Etwas zerbrach. Blind griff ich nach einem Buch, schleuderte es Ronald entgegen. Warmes Blut rann meine Wange hinab, doch ich ignorierte es und rappelte mich wieder hoch. Stieß ihn zur Seite, um wegzurennen. Doch da packte er mich schob wieder. Drückte mich zu Boden.
Ich hörte den Gürtel, noch bevor ich ihn sah.
»Ich hätte dir mehr Respekt einflößen sollen«, sagte er, als der erste Schlag meinen Rücken traf. »Man muss dich genauso hart anpacken wie deine verfluchte Mutter. Sonst parrierst du nicht!«
Ich war wieder sechs. Und zwölf und fünfzehn. Das letzte Mal hatte er mich verprügelt, als ich achtzehn wurde. Es war mein Geburtstag. Der Tag, an dem ich mit Len Chicago verließ.
Seinem Gürtel folgte der Fuß, folgte die Hand. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Zu laut. Vermischte sich mit dem Schmerz. Vermischte sich mit allem. Vor meinen Augen wurde es schwarz und alles verschwamm zu einem einzigen Nebel.

Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, hockte Ronald auf dem Rand des Sofas. Das Telefon am Ohr. »Ja, Jane, das verstehe ich natürlich«, sagte er mit seiner sanften Stimme. Der Stimme, die jeden täuschte. Immer. Überall. »Ich werde ihn noch mal fragen. Er ist doch mein Sohn.«
Ich versuchte, mich zu bewegen, doch sobald ich den Kopf hob durchfuhr mich der Schmerz. Alles tat weh. Stöhnend sackte mein Kopf zurück auf den Teppichboden. Mit den Augen suchte ich einen Anhaltspunkt. Die Uhrzeit. Irgendwas, das mir verriet, wie lange ich schon hier war. Wie viel Zeit vergangen war.
Ich tastete an meinem Körper entlang und fand mein Handy. Während Ronald sich umdrehte, zog ich es heraus, versucht, eine SMS zu tippen. Aber der Akku war leer. Verdammt.
Ronald legte auf. Begann umherzutigern, in der Hand eine Flasche Wodka.
»Tylers Frau ist genauso eine Hure wie es deine Mutter war«, erklärte er und genehmigte sich einen Schluck. »Gibt wohl nur noch einen Ort, an dem ich nach dem Kram suchen kann. Steh auf.«
Er zerrte an meinem Arm, doch ich schaffte es nicht, mich zu bewegen. Er gab mir eine Ohrfeige. »Steh auf, habe ich gesagt!«
Ich konnte nicht. Meine Augen fielen zu. »Fick dich.«
Als er diesmal nach mir trat, verschwand ich. An den Ort in mir drin, den er nicht erreichen konnte. Den er niemals erreichen würde. Einen Ort, an den ich mich schon zurückzog, seit ich vier Jahre alt war. Vor ihm. Seiner Wut. Seinen Schlägen. Es war das, was mich am Leben erhalten hatte. Das, und der Gedanke an Len.
Doch diesmal war da noch ein anderer.
Roux. Ich dachte an Roux. An seine Küsse, seine Berührungen, seine Sanftheit.

****

Die Tritte hörten auf, doch der Schmerz blieb.
Jemand berührte meine Wange. Eine hauchzarte Berührung. So anders. So fremd.
»Robin, sieh mich an.«
Roux.
Eine Stimme, die ihm so ähnlich war und den Schmerz anfachte. Weil ich ihn vermisste. So schrecklich vermisste. Weil ich mir wünschte, in seinen Armen zu liegen. Wünschte, er würde mich halten und mir noch einmal sagen das alles gut werden würde. So wie vor Wochen im Hotel.
Eine Berührung an meinen Fingerspitzen. »Robin, bitte …«
Ich versuchte, die Augen zu öffnen. Doch ich konnte es nicht. Ich war müde. Schrecklich müde …
Immer wieder sagte die Stimme meinen Namen.
Robin.
Robin.
Robin.
Die Stimme webte mich ein, stemmte sich gegen den Schmerz, doch schließlich verschluckte der Schmerz sie und da war nichts mehr außer Finsternis.

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